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Schmidt, Johannes. Indogermanischen Sprachen – T01

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Nachdem Bopps unsterbliches verdienst unseren sprachstamm
als ein ganzes entdeckt und gegen die übrigen sprachen
scharf abgegrenzt hatte, und man nun daran gieng, die innere
gliderung dises stammes zu ermitteln, da sprangen sofort
zwei tatsachen in die äugen, die eine, dass die indische sprachfamilie
(sanskrit, prākrit, pāli und die neuindischen dialekte)
mit der eranischen (altbaktrisch, altpersisch nebst iren jüngeren
formen, armenisch, ossetisch u. s. w.) aufs nächste verwant ist,
was man dahin deutete, dass die völker, welche deren träger
sind, noch vereint gebliben wären, als sich die übrigen Indogermanen
schon abgesondert hatten. Dise sprachen fasst man
herkömmlich unter dem namen der arischen zusammen. Zweitens
ergab sich eine ebenso innige verwantschaft der slawischen
sprachen (bulgarisch, serbisch-kroatisch, slovenisch, russisch,
kleinrussisch, polnisch, kaschubisch, polabisch, sorbisch, čechisch)
mit den lettischen (litauisch, preussisch, lettisch). An disen beiden
tatsachen zweifelt niemand, sie sind aber auch das einzige,
in welchem sämmtliche von unserem sprachstamme entworfene
stammbäume übereinstimmen. Ueber das verwantschaftliche verhältniss
des arischen und slawolettischen zweiges zu einander sowie
jedes von beiden zu den übrigen sprachen und letzterer zu
einander sind ser verschidene ansichten ausgesprochen worden.

Schleicher hat in allen seinen schriften die beiden sätze
vertreten, dass das slawolettische dem deutschen (im weitesten
sinne) zunächst verwant sei und dass beide auf eine nordeuropäische
grundsprache zurückfüren. Dise noch ungeteilte nordeuropäische
grundsprache habe sich zuerst aus der indogermanischen
ursprache ausgeschiden. Der beweis für disen zweiten
1satz beruht auf der anname einer engeren verwantschaft des
griechischen, lateinischen und keltischen mit einander als mit
allen übrigen sprachen. Aus diser anname folgert Schleicher
weiter, dass die drei letztgenannten sprachen aus einer gemeinsamen
südeuropäischen grundsprache entsprungen sind. Da
nun von allen europäischen sprachen das griechische dem
sanskrit und der ursprache anerkanntermassen am treusten
gebliben ist, so folgert Schleicher, dass die südeuropäische
grundsprache, durch welche er das griechische mit der ursprache
vermittelt, länger mit den der ursprache absolut änlichsten
arischen sprachen eine einheit gebildet habe als die vom ursprünglichen
mer abgewichene nordeuropäische grundsprache.

Schleicher hat recht, dass die nordeuropäischen sprachen
der ursprache ferner stehen als das griechische. Da aber die
von im hervorgehobenen gemeinsamen charakterzüge der nordeuropäischen
sprachen im wesentlichen nur einbussen von dem
ursprünglichen, allen indogermanischen sprachen zu gründe
ligenden sind, so blibe ja immerhin möglich, dass sich aus
einer gemeinsamen europäischen grundsprache, welche der
indogermanischen ursprache noch änlicher war, einerseits das
griechische mit bewarung der meisten altertümlichkeiten entwickelt
hätte, andererseits aber erst von diser europäischen
grundsprache aus der abweichende gang der nordeuropäischen
sprachen begänne.

Dise ansieht, dass sämmtliche europäische sprachen auf
eine grundsprache zurückgehen, dass sich also die ursprache
zunächst in zwei dialekte, einen .arischen und einen europäischen
gespalten habe, ist wol heute die allgemein herrschende und
wurde auch von mir bisher geteilt. Gründe für sie hat Lottner
(ztschr. VII, 18 ff. 161 ff.) beigebracht, welche Fick (vgl. wrtb.
d. indog. spr. 1053 ff.) widerholt :

1. Die arische grundsprache hatte nach ausweis des altbaktrischen
noch kein l, die europäischen sprachen dagegen
haben zum teil in übereinstimmung unter einander das ursprüngliche
r in l gewandelt, z. b. plēnus, lit. pìlnas, abulg.
plŭnŭ, got. fulls, griech. πίμ-πλη-μι.22. Merere praepositionen, die im sanskrit mit einer noch
unbestimmten oder mit einer ganz anderen bedeutung auftreten,
erscheinen in Europa in übereinstimmendem sinne.
So abhi ‘ad’, aber griech. ἀμφί, lat. amb-, ahd. umbi, altir.
imm bedeuten ‘circa’ u. a.

3. Kulturgeschichtliche gründe : Die benennungen des
ackerns, mähens und malens finden sich allein in den europäischen
sprachen übereinstimmend, woraus zu schliessen sei,
dass die Europäer noch zu einem volke vereinigt waren, als
sie das nomadenleben mit dem ackerbau vertauschten *)1. Die
gemeinsame benennung für das salz, welche den arischen
sprachen in diser bedeutung feit, schin zu beweisen, dass
die europäischen Indogermanen als ein ganzes erst nach
abtrennung von den Ariern an salzquellen oder ein salzmer
gelangt wären.

Die zwei wichtigsten gründe sind endlich :

4. der von Lottner geltend gemachte, dass die deutsche
lautverschiebung in einigen worten nicht den consonantismus
der arischen sprachen, sondern den der übrigen europäischen
sprachen voraussetzt, z. b. ist das k von ik aus der media
von ego, ἐγώ, nicht aus der aspirata des skr. aham verschoben.

5. Das resultat, welches G. Curtius (ber. d. sächs. ges.
d. wiss. 1864 s. 9 ff.) durch seine untersuchung über die
spaltung des alten a-lautes gewonnen hat, dass die sämmtlichen
europäischen sprachen wesentlich in der bewarung
des alten ursprünglichen a und in seiner ser häufigen verdünnung
zu e und weiter zu i übereinstimmen, wärend das
altindische und altpersische kurzes e überhaupt nicht, die
schwächung von a zu i nur in beschränktem masse kennen,
das altbaktrische ĕ aber, durch die umgebenden consonanten
bedingt, mit dem von disen unabhängigen europäischen e
nicht zu vergleichen ist. Z. b. heisst es übereinstimmend
mit e : ἕξ, sex, saihs, szeszì, šestĭ dagegen skr. šaš, abaktr.
3khšvas ; wärend in gr. ἀρόω, lat. aro, got. arja, lit. ariù das
a übereinstimmend erhalten ist.

Endlich hat Fick die in mereren europäischen sprachen
vorkommenden worte zusammengestellt (vergl. wtb. 335 ff.).
untersuchen wir nun, wie weit die anname berechigt ist, dass
alle europäischen sprachen innerhalb unseres sprachstammes
eine engere einheit bilden und sich als solche derart von den
arischen sprachen absondern, dass als ausgangspunkt aller
späteren sprachdifferenzierungen eine zweiteilung in die arische
und europäische grundsprache notwendig erscheint. Hierbei
werden die sprachen, welche den arischen geographisch zunächst
ligen, d. h. das slawische und griechische besonders ins äuge
zu fassen sein.

Die unmittelbare zusammengehörigkeit des deutschen und
slawolettischen ist schon im jare 1837 von Zeuss behauptet worden
(d. Deutschen u. d. nachbarst, s. 18 ff.), ebenso von J. Grimm
(gesch. d. d. spr. 1030) und mit den mittein der neueren wissenschaft
von Schleicher gestützt worden (beitr. z. vgl. sprf. I,
12 ff., 107 ff.). Prüfen wir die gründe.

Beide sprachen haben den ablativ und das augment verloren.
Letzteres ist sicher, beweist aber nichts, da alle europäischen sprachen
ausser dem griechischen kein augment mer besitzen. Ob
der ablativ verloren gegangen sei, ist fraglich, denn die gotischen
adverbia auf ō, wie galeikō, sniumundō sind höchst warscheinlich
alte ablative, in irer verwendung genau den griechischen ablativ-adverbien
auf -ως entsprechend, was schon Bopp (vgl. gr. I2, s.
352) und Scherer (z. gesch. d. d. spr. 462) angenommen haben.
Schleicher rechnet auch den conjunctiv unter die gemeinsamen
verluste, aber mit unrecht, denn die sogenannten ersten personen
plur. imperat. wie afslaham hat Westphal (phil.-hist.
gramm. 226) richtig als conjunctive gedeutet. Ir a ist aus
ursprünglich langem a verkürzt wie in namō = sk. nāman-,
nōmen. Ferner glaube ich in ōgs eine 2. pers. sg. conj. perf.
nachgewisen zu haben, gebildet wie die homerischen εἴδομεν,
εἴδετε, ved. vēdat RV. V, 30, 3 (ztschr. XIX, 291).

Weiter nennt Schleicher den übergang der ursprünglichen
4mediae aspiratae in unaspirierte mediae als characteristicum
der slawodeutschen grundsprache. Wäre dis richtig, so wären
schon lange vor eintritt der specifisch deutschen lautverschiebung
die ursprünglichen mediae und aspiratae unterschidslos
zusammengefallen, so hätte beim eintritt der lautverschiebung
alles hewustsein von der ursprünglichen verschidenheit diser
beiden lautclassen gänzlich geschwunden sein müssen, so hätten
nicht die ursprünglichen mediae anders verschoben werden
können als die aus aspiraten entstandenen. Wenn vor der
verschiebung schon *medjas = skr. madhjas und *eda = lat. edo
die selbe dentalstufe enthalten hätten, wie hätte jenes in got.
midjis sein d bewaren, dis in ita dafür t eintauschen können,
wie wäre es möglich, dass die sprache im ganzen und grossen
auch in der lautverschiehung den alten unterschid streng aufrecht
erhält ? Also ist der im slawolettischen und deutschen
eingetretene verlust der aspiraten in jeder sprache für sich
geschehen und kann nicht aus einer älteren beiden zu gründe
ligenden sprache hergeleitet werden.

Ferner hebt Schleicher als gemeinsam hervor die doppelte
declination der adjectiva, je nachdem sie bestimmt oder unbestimmt
sind. Gemeinsam ist dise unterscheidung wol, aber
nur in der sogenannten inneren sprachform, denn die mittel,
durch welche sie ausgedrückt wird, sind in beiden sprachzweigen
verschiden. Wärend das deutsche seine adjectiva, wenn
sie bestimmt sind, zu n-stämmen erweitert und substantivisch
flectiert, fügt das slawolettische an das meist selbst flectierte
adjectivum das flectierte pronomen ja-. Sprachliche verkörperung
kann dise unterscheidung der bestimmten und unbestimmten
adjectiva also in der nordeuropäischen grundsprache noch
nicht gewonnen haben. Vilmer schliesst sich die lautliche bezeichnung
des bestimmten adjectivs im slawolettischen aufs
engste an eine änliche verwendung des pronomen urspr. ja-in
den eranischen sprachen, ich meine das persische kesra
descriptionis, welches dem mit einem adjectivum verbundenen
substantivum angefügt wird. Im altbaktrischen finden sich die
anfange diser erscheinung in verbindungen wie kharem jim
5ašavanem (den heiligen esel), änliches auch im altpersischen
(s. Spiegel abaktr. gr. s. 312 ; keilinschr. 173. Justi handb. d.
zendspr. s. 240). Den keim solcher stätigen verbindung des
adjectivs und substantivs durch das pronomen ja- kann man
schon im veda bemerken in constructionen wie viçvē marutō
jē sahāsō
alle die starken Maruts *)2.

Die unterscheidung der verba in perfecta und imperfecta
ist zwar dem slawolettischen und deutschen gemeinsam, aber
nicht inen allein, denn sie findet sich auch im keltischen, wie
Ebel gezeigt hat (beitr. II, 190 ff.), ja auch in dem stammfremden
magyarischen und in nordamerikanischen sprachen (Schleicher
beitr. I, 500 ff.). Ist dise unterscheidung somit für sich allein
nicht beweisend, so wird man ir doch als einem gemeinsamen
zuge, der in verbindung mit anderen beweisende kraft gewinnen
kann, volle beachtung schenken müssen.

So bleibt von Schleichers sämmtlichen grammatischen argumenten
nur eins ganz ungeschwächt, und zwar ein ser schwer
in die wagschale fallendes, nämlich dass in allen drei nordeuropäischen
sprachen, und nur in inen, das bh der casussuffixe
-bhi, -bhis, -bhja(m)s in m gewandelt wird : got. vulfa-m, ab.
vlŭko-mŭ, lit. vilká-mus, vilká-ms. Dis zusammentreffen ist um
so wichtiger, als keine der drei sprachen disen lautwandel in
anderen fällen zeigt.

Von zügen, welche eine engere verwantschaft zwischen den
nordeuropäischen sprachen bekunden, lassen sich nun noch
eine ganze reihe anfüren.

Inen gemeinsam ist die contraction des -jā gewisser femininer
nomina im nom. sg. zu langem ī übereinstimmend besonders
im femininum der participia : got. frijōndi **)3 wie abulg. prijająšti,
6berąšti, lit. áuganti. Hier muss die contraction in ser früher
zeit eingetreten sein, denn got. frijondi erweist, dass sie vor
wirkung des got. auslautsgesetzes schon bestand. Das auslautsgesetz
fand schon frijondī vor, welches es zu frijondĭ verkürzte.
Hätte es noch *frijondjā gefunden, so würde daraus nur *frijondjă
geworden sein. Allen drei sprachen gemeinsam ist auch die
beschränkung diser contraction auf den nom. sg., mit welchem
im litauischen und gotischen und im altbulgarischen bei den
adjectiven und participien der vocativ zusammenfällt. Im
acc. sg. z. b. heisst es frijondja wie lit. àuganczą, ab. berąštą.

Die übereinstimmungen in den auslautsgesetzen der drei
nordeuropäischen sprachen wird Leskien ausfürlich darlegen.

Ferner werden im gotischen die cardinalzalen von 4 bis
10 oder, was im ganzen das selbe ist, bis 19 zu i-stämmen
erweitert, ebenso im litauischen von 4 bis 9, im slawischen nur
4, da an die stelle der zalen von 5 bis 10 feminine collectiva
getreten sind. Höchst wichtig ist dabei die übereinstimmung
im nom. zwischen got. fidvōr, d. i. älterem *fidvōri und lit. keturì.
Die got. form lässt sich keinem der sonstigen declinationsschemata
einordnen, die litauische kann allerdings nom. pl.
des in allen casus obliqui ausser dem acc. erscheinenden stammes
keturja- sein, aber auch laut für laut dem gotischen fidvōr
entsprechen, d. h. den im acc. kéturis zweifellos gesicherten
i-stamm wie im gotischen one casussuffix bieten. Abulg. četyrije
wird wie alle übrigen sustantivischen i-stämme decliniert.

Weitere übereinstimmungen bei den zalworten finden sich
in got. -lif, -lib, stamm -libi- (tva-lif, tva-lib, dat. tva-libi-m) und
lit. -lika (vënu-lika, dvý-lika u. s. w. bis devynió-lika). Dise
übereinstimmung kann sich früher auch auf das slawische erstreckt
haben, denn die in historischer zeit übliche bezeichnung
der zalen von 11 bis 19 wie jedinŭ na desęte ist offenbar jung
und an die stelle einer directen zusammenrückung der einer
mit zehn one vermittelung einer präposition getreten. Ob die
zehn früher durch etwas dem -lika, -lif entsprechendes oder
durch eine form von desętĭ ausgedrückt war, lässt sich freilich
nicht mer entscheiden.7Ser wichtig ist ferner, wie Schleicher schon betont hat,
das gemeinsame zalwort für tausend, got. thusundi, preuss.
acc. pl. tusimtons *)4 abulg. tysąšta, lit. túkstantis **)5.

Eine weitere gemeinsamkeit zeigt sich in der verwendung
der praesensbildungen mittels nasalsuffixes oder -infixes zum
ausdrucke inchoativ-passiver oder intransitiver beziehung,
wodurch dise praesensbildungen in allen drei sprachen über
ire ursprüngliche ausdenung hinaus griffen, ja sogar zur denominativen
verbalableitung verwendbar wurden. Wie im gotischen
neben einander ligen us-geis-nan sich entsetzen und us-
gais-jan
jemand erschrecken, gahailnan geheilt werden und
gahailjan heilen, fullnan erfüllt werden und fulljan anfüllen u. s. w.,
ahd. lernōn, lirnēn und lēran, so ligen im altbulgarischen neben
einander u-žas-nąti stupefieri und u-žas-iti stupefacere, vŭzbŭnąti
ἐγείρεσϑαι und vuzbuditi ἐγείρειν, isŭchnąti ξηραίνεσϑαι und isušiti
ξηραίνειν u. s. w. Im litauischen ist das nasalsuffix zum nasalinfix
geworden (s. zur gesch. d. indog. vocal. I, 29 ff.), und
den obigen wortparen entsprechen pa-bundù ich erwache, pa-bùdinu
ich erwecke, nin-plinkù ich werde kal, nu-plìkinu ich
mache kal u. s. w. Näheres über die geschichte diser verba im
gotischen s. ztschr. XIX, 286.

Endlich ist der wortschatz diser drei nordeuropäischen
sprachen in vilen und wichtigen punkten übereinstimmend.
Die kulturgeschichtlich bedeutsamen namen für silber, roggen,
weizen, müle, bier u. a. finden sich teils in allen dreien teils
im deutschen und je einer der beiden anderen sprachen übereinstimmend,
und zwar abweichend von den übrigen sprachen.
Im anhange I habe ich 142 worte und wurzeln verzeichnet,
welche bisher nur in den nordeuropäischen sprachen nachgewisen
8sind, von disen finden sich 59 in allen drei sprachzweigen,
50 nur im slawischen und deutschen, 33 nur im litauischen
(lettischen, preussischen) und deutschen.

Als zweifelloses resultat halte ich also den satz aufrecht,
dass das slawolettische keiner der europäischen sprachen so
nahe verwant ist wie dem deutschen.

Im südosten haben sich die Slawen noch zu historischer
zeit mit Eraniern berürt, denn die pontischen Skythen waren,
wie schon Zeuss (d. Dtschen u. d. nachbarst. 284 ff.) gesehen und
Müllenhoff (monatsber. d. Berl. akad. 1866, 549 ff.) ausgefürt
hat, Eranier. In welchem verhältnisse steht nun das slawische
oder slawolettische zu den östlichen nachbarn ?

Bopp (spr. d. alten Preussen s. 4 ; vgl. gr. I2, s. XIX)
sagt : ‘Die absonderung der lettisch-slawischen idiome von der
asiatischen schwestersprache, mag man sie sanskrit nennen
oder ganz unbenannt lassen, ist später eingetreten als die der
klassischen, germanischen und keltischen sprachen, aber doch
noch vor der spaltung des asiatischen teils unseres sprachgebiets
in den medo-persischen und indischen zweig. Ich folgere
dis unter anderen daraus, dass keines der europäischen glider
unseres sprachstammes an der allen medo-persischen gemeinschaftlichen
entartung des s zu h in dem masse teil nimmt,
wie sie namentlich im zend u. s. w. sowol am anfange als in der
mitte der wörter vor vocalen stattfindet’.

Und Bopp hat in der tat erhebliche gründe für dise ansicht
vorgebracht, wenn wir auch zunächst einen derselben als
nicht stichhaltig ausscheiden müssen.

Die slawolettischen sprachen haben zwar allein von allen
europäischen sprachen im nom. sg. der r-stämme das r verloren
wie die arischen : ab. mati, preuss. mūti, lit. mote wie skr. mātā,
abaktr. māta. Doch beweist dis keine engere verwantschaft
mit dem arischen, da das auslautsgesetz sowol des slawischen
als des litauischen kein r im wortauslaute duldet, das r also
in folge dises auslautsgesetzes, d. h. relativ spät, geschwunden
sein kann. Bopps weitere gründe sind :

1. Die übereinstimmende bildung des nom. du. der
9i-stämme : ab. kosti, lit. avì = skr. avī, zd. āfritī ; hier stimmt
freilich auch das altirische fáith aus *váti (Schleicher comp.3
522) zum arischen. In den parallelen u-stämmen deckt sich
jedoch das slawolettische ausschliesslich mit dem arischen :
lit sūnù, abulg. syny = skr. sūnū, abaktr. pājū.

2. Den nominativen dualis der femininen ā-stämme wie
skr, açvē, abaktr. dātē entsprechen nur im slawolettischen bildungen
wie ab. rącĕ, lit. rankì aus *rankë (ë erhalten in te-dvi).

3. Die wichtigste übereinstimmung ist aber die, dass
dem arischen palatalen zischlaute allein im slawisch-litauischen
ein zischlaut entspricht, wärend die übrigen europäischen
sprachen dise laute nicht von der gutturalen tenuis unterscheiden,
z. b. skr. çatam, zd. çatem, abulg. sŭto, lit. szìmtas,
aber got. hund, lat centum, altir. cét, griech. ἑκατόν. Schleicher
(beitr. I, 110) wendet dagegen ein, dass der palatale
zischlaut des sanskrit einen anderen laut gehabt habe als
lit. sz oder slaw. s. Dis ist richtig, denn für ersteres hat
Kuhn (Höfers ztschr. II, 166 ff.) den laut unseres palatalen
ch in ich angenommen ; genauer ist wol mit Ebel (ztschr.
XIII, 276) sein laut als der des polnischen gestrichenen ś
zu fassen oder die von Lepsius (standard alph.2 70 f.) beschribene
articulation. Aber alle drei laute, der indische
palatale spirant, das slawische s und das litauische sz haben
doch das gemein, dass sie spiranten sind, welche durch
fortschreitende assibilation aus gutturalem stummem verschlusslaute
hervorgegangen sind und disem, dem momentanen
k als dauerlaute gegenüberstehen. Schleicher hebt
ferner hervor, dass die vertretung des skr. ç durch slaw. s,
lit. sz nicht ausnamslos ist, dass bisweilen lit. sz für skr. k
und lit. k für skr. ç steht, gibt aber zu, dass ‘in der regel
in den selben worten die veränderung des ursprünglichen k
eingetreten sei’. Dennoch bestreitet er die beweiskraft diser
übereinstimmung, weil, wie er sagt, ‘in den verschidenen
sprachen unabhängig von einander die selben lautveränderungen
mit der zeit eintreten, die entweder durch die beschaffenheit
der sprachorgane oder durch einen gewissen angestammten,
10fast sämmtlichen indogermanischen sprachen
eigenen zug bedingt sein mögen.’ Suchen wir uns den
vorgang an einem beispile zu verdeutlichen. Nach Schleichers
ansieht hatte der stamm des interrogativpronomens in
der ursprache den selben gutturalen laut wie das zalwort
für hundert : ka- und kantam. Ir guttural war auch noch in
der nordeuropäischen grundsprache der selbe, denn got. hund
und hva zeigen in ganz gleichförmig vertreten. Erst in der
slawolettischen grundsprache sei die differenzierung eingetreten,
durch welche der guttural in lit. kàs, ab. kŭ-to
bewart blieb, in lit. szìmtas, ab. sŭto zum spiranten wurde.
Und ganz unabhängig von disem vorgange sei bei den
Ariern die völlig analoge differenzierung der gutturalen in
ka- und çata- vor sich gegangen. Ascoli hat 16 fälle zusammengestellt,
in welchen so dem palatalen spiranten der
Arier slawolettische spiranten gegenüber stehen (corsi di
glottol. p. 51. f.). Genau die selbe erscheinung begegnet
uns bei den entsprechenden mediae und aspiratae, wie Ascoli
in den erwähnten scharfsinnigen untersuchungen zweifellos
dargetan hat. Ascoli unterscheidet nämlich im sanskrit
zweierlei ģ : 1) die media zu , welche vor t, th als k erscheint
z. b. juģ, jukta- junctus, 2) die media zu ç welcher
Ascoli den lautwert eines ž (franz. j) gibt. Dise zweite
gattung von ģ wird vor t, th zu š, und ist eben an diser
wandelung als verschiden von der ersten gattung erkennbar,
z. b. jaģ vereren, part. iš-ṭa- *)6. Wärend nun den ģ erster
11gattung im altbaktrischen ģ, im slawischen und litauischen g
entspricht (skr. abaktr. wz. juģ, skr. juga-m, lit, jùngas, ab.
igo joch), wird das ģ zweiter gattung durch abaktr. z,
abulg. z, lit. ż vertreten : skr. marģ, 3. sg. praes. māršṭi abwischen,
abaktr. marez-aiti, abulg. mlŭzą ich melke, lit.
mélżu (Ascoli a. a. o. 105 ff. 117 f.). Endlich sind im sanskrit
auch zweierlei h zu unterscheiden : 1) die aspirate zu
k, g, welche mit folgendem t zu gdh wird, z. b. dah brennen,
part. dagdha-, 2) die aspirata zu ç, ž (ģ), welche mit folgendem
t zu ḍh wird, z. b. vah vehere, part. ūḍha- *)7. Während
nun dem ersten h slawolettisches g entspricht (skr. dahāmi
= lit. degù, abulg, ždegą, žegą ich brenne), wird das zweite
durch abulg. z, lit. ż vertreten : vahāmi = ab. vezą lit. veżù
(a. a. o. 184 ff. 187 f.). Hier an blinden zufall zu glauben
ist mir nicht möglich. Und an den zufall appelliert auch die
von Ascoli versuchte erklärung der tatsache. Er meint
nämlich, unsere zuerst gewälten beispile haben in der
ursprache gelautet ka, aber kianta- ‘con legero intacco del k
aus letzterem sei in den übrigen europäischen sprachen kanta
geworden ‘quasi il tipo risanato’, dagegen im arischen und
lituslawischen kjanta u. s. w. Dass gerade in disen sprachen
übereinstimmend die palatale affection nicht ‘geheilt’ wurde,
bleibt auch für Ascoli wie für jeden, der eine gemeinsame
europäische grundsprache annimmt, reiner zufall. Die palatale
affection der gutturalen in kianta u. s. w. müste sich
nach diser anname noch in der europäischen grundsprache
erhalten haben, aber zufällig im griechischen, italischen und
keltischen spurlos verloren gegangen sein, sie müste sich
12bis in die nordeuropäische grundsprache fortgepflanzt haben,
aber widerum zufällig im deutschen spurlos geschwunden
sein. Wer aber dise tatsächliche übereinstimmung aussehliesslich
zwischen arisch und slawolettisch als ein werk des zufalls
betrachtet, der stellt sich ausserhalb der wissenschaftlichen
discussion ; wer es nicht tut, für den genügt dise
eine tatsache um die anname einer gemeinsamen europäischen
ursprache zu vernichten.

Und weiter ist es unmöglich zalreiche erscheinungen, in
welchen das slawolettische mit dem arischen übereinstimmt,
vom deutschen aber abweicht, zu übersehen : in der declination
haben slawisch und litauisch den instr. sg. auf urspr.
-bhi, plur. auf urspr. -bhis, den loc. plur auf urspr. -sva, in
der conjugation den einfachen und den zusammengesetzten
aorist, das futurum auf urspr. -sjāmi, das part. perf. act. auf
urspr. -vans, das supinum auf -tum, lauter formen von denen
das gotische gar nichts mer weiss oder, wie vom einfachen
aorist (s. verf. ztschr. XIX, 291 f.) und part. perf. act. (bērusjōs)
nur noch wenige, als solche nicht mer empfundene und daher
kaum zu rechnende spuren zeigt. Und zwar sehen wir schon
hier, dass das slawische, welches geographisch dem arischen
näher ligt als das litauische, in der bewarung der aoriste,
welche dem litauischen verloren gegangen sind, dem arischen
auch grammatisch näher steht als das litauische.

Die begegnung der bestimmten adjectivdeclination mit dem
persischen kesra descriptionis ist oben (s. 5) schon erwähnt.
Die pronomina bieten gleichfalls schlagende übereinstimmungen.
Nur eranisch-slawolettisch ist der gen. sg. des pron. der ersten
person : apers. manā, abaktr. mana, lit máno, abulg. mene, denn
got. meina muss wegen der analogen theina, seina als stamm
ma- mit suff. -eina aufgefasst werden. Lit. visas, abulg. vĭsĭ,
in manchen casus vĭsŭ- (s. Miklosich vergl. gr. III, § 85 ; Leskien
handb. d. abulg. § 66) all, jeder hat nur in apers. viça, abaktr.
vīçpa-, sk. viçva- entsprechendes. Nur im eranischen und
slawischen findet sich das pronomen ava- jener, abulg. ovŭ
vollständig flectiert, das sanskrit hat davon nur den gen. loc.
13du. avōs, die übrigen sprachen zeigen in nur in partikeln und
adverbien erstarrt wie αὖ, αὖ-τε, lat. au-t, au-tem. got au-k,
lit au-re dort.

Keine europäische sprache ausser dem slawischen hat
dvandva-composita, welche als duale flectiert werden : abulg.
bratŭ-sestra ἀδελφὸς καὶ ἀδελφή, dat. bratŭsestroma ev. Ostr.
p. 288 c ; malŭ-žena ἀνδρόγυνα, dat. malŭženoma Mikl. lex.

Die praeposition abulg. radi, apers. rādij wegen, in beiden
sprachen mit dem genitiv verbunden, findet sich nirgends sonst
(Kuhn ztschr. VI, 390 ; Ebel beitr. I, 426). Nur im slawolettischen
ist die praeposition sam als selbständiges wort und
in zusammensetzung mit verben erhalten : preuss. sen, lit. ,
abulg. są-, su-, , abaktr. hām, hém-, skr. sam ; ableitungen der
grundform sama- u. a. finden sich in allen sprachen. Andere
hier zu nennende übereinstimmungen sehe man im alphabetisch
geordneten anhange II unter den worten bezŭ, kadà, páskui.

Vorhin hob ich die züge hervor, welche das slawolettische
zalensystem nur mit dem deutschen teilt, jetzt ist einer zu
erwähnen, welcher das slawische eng an die arischen sprachen
knüpft. An die stelle der cardinalzalen von fünf bis zehn
hat das slawische collective substantiva gesetzt. Sehen wir
hierbei von den benennungen für sechs, siben und acht ab,
welche nirgends ausserhalb genau entsprechendes haben, so
finden sich die drei übrigen zalcollectiva oder abstracta
sämmtlich in den arischen sprachen, und zwar nur in disen
wider : pętĭ ist skr. paṅkti- fünfheit, devętĭ = abaktr. navaiti
neunheit, desętĭ = skr. daçati dekade. Das ordinale prĭvŭ der
erste findet ebenfalls nur im arischen entsprechendes : apers.
paruva-, abaktr. paourva-, skr. pūrva-. Hier steht also das
slawische näher dem arischen als selbst das litauische. Das
selbe ist der fall in dem namen gottes : bogŭ findet sich wider
nur in apers. baga, abaktr. bagha-, phryg. Βαγαῖος (Ζεύς), ved.
Bhaga-, ebenso svętŭ lit. szvèntas heilig ganz gleichbedeutend
nur im abaktr. çpeñta-, und zwar in einer form, welche den
gedanken an entlehnung ausschliesst (got. svinths stimmt im
anlaute nicht dazu).14

Von welcher bedeutung solche mythologische übereinstimmungen
sind, namentlich wenn man dazu hält, dass der
indogermanische gott Djāus nur den Slawoletten und Eraniern
verloren gegangen ist, das braucht kaum besonders hervorgehoben
zu werden. Kulturgeschichtlich höchst wichtig ist
die übereinstimmende benennung des heiratens bei Slawoletten
und Ariern (s. anhang II unter vedù) sowie des schreibens bei
Slawen und Persern : abulg. pisati schreiben, apers. ni-pis, nij-apisam
ich schrib, letztere wurzel in diser bedeutung felt selbst
den beiderseitig nächsten verwanten, Litauern und Indern, denn
da schreiben im litauischen durch raszýti, im lettischen durch
rakstit ausgedrückt wird, muss preuss. peisāton scriptum und
zubehör als slawisches lehnwort gelten. Im anhange habe ich
unter II einundsechzig worte und wurzeln zusammengestellt,
welche bisher nur in den slawolettischen und arischen sprachen
nachgewisen sind, unter disen befindet sich sogar ein compositum,
lit. vesz-patis (nro. 57). Von disen 61 worten kommen
21 im slawischen und litauisch-lettischen vor, 23 nur im slawischen,
17 nur im litauisch-lettischen, also wie in der grammatik,
so ist auch im lexicon zu bemerken, dass das slawische
den arischen sprachen etwas näher steht als das litauische.

Was sollen wir nun aus allem dem für den stammbaum
schliessen ? Man wird unter den hervorgehobenen verwantschaftszügen
einige bemerkt haben, welche das slawische nur
mit den eranischen sprachen, nicht auch mit dem sanskrit
teilt *)8, und umgekert solche, welche die arischen sprachen nur
mit dem slawischen, nicht auch mit dem litauischen gemein
haben **)9. Sollen wir deshalb die anerkannt innige verwantschaft
von litauisch und slawisch einerseits, von indisch und
eranisch andererseits lockern ? Nein. Sondern wir werden anzuerkennen
haben, dass die geographisch einander zunächst
ligenden sprachen mer mit einander gemein haben als die
15ferner ligenden, dass also eine continuierliche vermittelung vom
indischen durch die eranischen sprachen zum slawischen und
von disem zum litauischen fürt, dass das slawische mer arische
züge enthält als das litauische, das eranische mer slawische
züge als das sanskrit.

Sollen wir also das slawolettische näher an den arischen
zweig als an das deutsche rücken ? Das geht nicht wegen des
absolut zum deutschen weisenden wandeis von bh zu m in den
declinationssuffixen, wegen der übereinstimmung in der zal
tausend und der zalreichen anderen beziehungen, welche nur
zwischen dem slawolettischen und deutschen bestehen. Das
geht ferner nicht wegen der für ursprüngliches a eingetretenen
e, welche das slawische unauflöslich an die übrigen europäischen
sprachen ketten.

Müssen wir also das slawolettische vom arischen losreissen ?
Das ist ebenfalls unmöglich wegen der übereinstimmung in den
spiranten, welche an die stelle der gutturalen verschlusslaute
getreten sind, und wegen der zalreichen anderen eben hervorgehobenen
coincidenzpunkte des slawolettischen und arischen.

Es bleibt also keine wal, wir müssen anerkennen, dass das
lituslawische einerseits untrennbar mit dem deutschen, andererseits
ebenso untrennbar mit dem arischen verkettet ist. Die
europäischen, deutschen und arischen charakterzüge durchdringen
einander so vollständig, dass eine ganze reihe von
erscheinungen nur durch ir organisches zusammenwirken hervorgerufen
ist, und dass es worte gibt, deren form weder ganz
europäisch noch ganz arisch ist und nur als ergebniss diser
beiden einander durchkreuzenden strömungen begreiflich wird.
Nemen wir z. b. den dat. pl. fem. desĭnamŭ den rechten (dextrabus),
so ist das casussuffix ausschliesslich nordeuropäisch (-mŭ = lit.
-mus, got. -m), der wurzelvocal nur europäisch, vergl. lit. deszine,
ahd. zesawa, dexter, δεξιός, dagegen das stammbildungssuffix -ĭnŭ
ebenso ausschliesslich arisch : abaktr. dašina-, skr. dakšiṇa-.

Oder nemen wir lit. mélżu, abulg. mlŭzą *)10 ich melke, so
16ist es wegen des wurzelvocals nicht los zu reissen von ahd.
milchu, ἀμέλγω, lat. mulgeo (aus *melgeo, wie sepultus aus
*sepeltus), ebenso entschiden wird es aber durch sein ż an
abaktr. marez und das von Ascoli glänzend erwisene skr. marž
geschriben marģ (s. 12), geknüpft. Die unterscheidung der bestimmten
und unbestimmten adjectivdeclination findet sich im
princip oder der inneren sprachform nach nur noch bei den Deutschen,
das mittel der lautlichen unterscheidung aber nur bei
den Ariern, hauptsächlich bei den Eraniern (s. 5 f.). Schon dise
drei beispile beweisen, wie gleichmässig falsch sowol die anname
einer slawisch-lettisch-deutschen grundsprache als die
einer slawisch-lettisch-arischen grundsprache ist, da keine von
beiden annamen den sprachlichen tatsachen gerecht wird. Wollte
man sich dadurch aus der verlegenheit retten, dass man eine
engere einheit der nordeuropäischen sprachen mit den arischen
annäme, d. h. wollte man sich die sprachtrennung in der weise
vorstellen, dass aus der ursprache zunächst durch zweiteilung
erstens die südeuropäische grundsprache, die mutter des griechischen,
italischen und keltischen, und zweitens eine sprache
hervorgegangen wäre, welche sich später durch abermalige
teilung in die nordeuropäische grundsprache und in die arische
grundsprache aufgelöst hätte, wollte man dis voraussetzen,
so käme man wider in collision mit den eingangs (s. 2 f.) festgestellten
gemeinsamen europäischen eigentümlichkeiten, welche
eine solche anname unmöglich machen.

Man mag sich also drehen und wenden wie man will, so
lange man an der anschauung fest hält, dass die in historischer
zeit erscheinenden sprachen durch merfache gabelungen aus
der ursprache hervorgegangen seien, d. h. so lange man einen
stammbaum der indogermanischen sprachen annimmt, wird
man nie dazu gelangen alle die hier in frage stehenden tatsachen
wissenschaftlich zu erklären. Der ganze charakter des
slawolettischen bleibt unter diser voraussetzung unbegreiflich.

Verständlich wird er nur, wenn wir anerkennen, dass das
slawolettische weder vom arischen noch vom deutschen losgerissen
werden kann, sondern die organische vermittelung beider
17ist. Dise anerkenntniss nötigt uns die grammatik ab, zu ir
zwingt uns auch der sprachschatz. Die wortverzeichnisse I-IV
im anhange veranschaulichen das verhältniss der lexicalischen
ûbereinstimmungen zwischen den hierin rede stehenden sprachen.
Danach beläuft sich die zal der worte und wurzeln, welche bisher
nur in den nordeuropäischen sprachen nachgewisen sind
(I A-C), auf 143, die der ausschliesslich arisch-slawolettischen
(II) auf 61, es werden also im slawolettischen sprachschatze die
ausschliesslich arischen bestandteile — man gestatte der
kürze halber disen ausdruck für urverwante worte — von den
ausschliesslich deutschen zwar bedeutend überwogen, wenn letztere
sich zu ersteren nach den betrachtungen, welche ich den
wortverzeichnissen des anhanges voraus geschickt habe, auch
nicht ganz wie 7 zu 3 verhalten mögen. Die in der grammatik
unverkennbare mittelstellung des slawolettischen zwischen dem
arischen und deutschen wird aber auch hier sichtbar, wenn wir
die verzeichnisse III und IV mit in die berechnung ziehen.
Dise ergeben 15 ausschliesslich arisch-deutsche worte, 14 ausschliesslich
nordeuropäisch-arische. Nimmt man nun eine nordeuropäische
grundsprache an, so bleibt höchst auffallend, dass
von den 90 arischen worten (61 + 14 + 15), welche man ir
dann zuschreiben muss, im deutschen nur 29, in den östlicheren
sprachen dagegen, trotzdem sie weit jünger sind als die ältesten
deutschen, 75 bewart sind. Die slawolettisch-arischen worte
verhalten sich zu den deutsch-arischen wie 61 zu 15, zu den
nordeuropäisch-arischen wie 61 zu 14. Der slawolettische
wortschatz enthält demnach viermal so vil arische bestandteile
wie der deutsche (61 : 15) und zehnmal so vil deutsche bestandteile
wie der arische (143 : 15), d. h. er ist das organische
mittelglid zwischen dem deutschen und arischen, ersterem naturgemäss
näher stehend wegen des langdauernden einwirkens
des deutschtums auf Slawen und Litauer.

Mit diser, wie mir scheint, zweifellos nachgewisenen stellung
des slawolettischen zerfällt aber nicht nur die anname
einer nordeuropäischen grundsprache sondern auch die einer
europäischen grundsprache. Das slawolettische ist weder eine
18arische noch eine europäische sprache. Wie Europa-Asien
geographisch keine grenze haben, so schwindet auch die bisher
gezogene scharfe demarcationslinie zwischen den arischen und
europäischen sprachen.

Sehen wir nun, ob im süden Europas zwischen dem griechischen
und arischen die grenze fester steht. Die das spätere
altertum beherrschende und bis in unsere zeit hineinragende
dunkele vorstellung von der nahen verwantschaft des griechischen
und lateinischen, welche zu der meinung fürte, dass
das lateinische vom griechischen abstamme oder durch mischung
des griechischen mit alteinheimischen italischen mundarten
entstanden sei, ist von der neueren wissenschaft geklärt und
auf ir richtiges mass zurückgefürt worden. An die stelle des
tochterverhältnisses ist das schwesterverhältniss getreten.

G. Curtius und Schleicher haben in allen iren schriften
die ansieht vertreten, dass das griechische, dem italischen zunächst
verwant, mit disem aus einer gemeinsamen, sei es nun graecoitalischen
oder graeco-italo-keltischen grundsprache hervorgegangen
sei *)11. Dise meinung wird auch von Corrsen (ausspr.
II2, 45 f. anm.) und Leo Meyer (vergl. gr. I, 13. 20 f.) geteilt.
Folgendes sind die zwei wichtigsten gründe für sie. Erstens :
nur im griechischen und italischen gibt es feminine stamme
auf -ŏ- = urspr. -ă-, wie Ebel (beitr. II, 137) hervorhebt. Zweitens
gehen griechisch und lateinisch in der verdumpfung von a
zu o, und weiter zu lat u, auch da oft noch zusammen, wo die
übrigen europäischen sprachen das a bewart haben, z. b. gr.
πόσις, lat. potis, aber got. faths, lit. patìs ; γένος γένεος wie altlat.
*genos, *generos, *generus (vgl. die belegten opos, senatuos
Venerus
) u. a. Curtius her. d. sächs. ges. d. w. 1864, s. 20 ff. Dise
beiden übereinstimmungen können nicht auf zufall beruhen, denn
derartiges zusammentreffen von zwei sprachen in etwas der ursprache
19fremdem erst später entwickeltem hat für ire nähere
verwantschaft weit grössere beweiskraft, als wenn etwas ursprünglich
allen indogermanischen sprachen gemeinsames in
zwei sprachen gleichmässig erhalten ist. Letzteres kann auf
zufall beruhen, ersteres nicht *)12.

Eine graecoitalische neubildung ist das futurum exactum
τε-ϑνήκ-σω, πε-πράκ-σο-μαι, lat. (ce)-cap-so, (fe)-fac-so.

Ferner zeigt der sprachschatz beider sprachen vile übereinstimmungen.
Förstemann (ztschr. XVII, 354 ff.) und Fick
(vergl. wörterb. 421 ff.) haben die worte zusammengestellt,
20welche in beiden vorkommen, sei es in inen allein oder ausserdem
in anderen sprachen. Der anhang V verzeichnet 132
griechische worte, für welche bis jetzt nur im lateinischen entsprechende
oder verwante nachgewisen sind.

Dass das griechische an den s. 2 f. erwähnten eigentümlichkeiten
der europäischen sprachen teil nimmt, sei hier noch
einmal angedeutet.

Dem gegenüber sind aber auch vile dem griechischen nur
mit den arischen sprachen gemeinsame züge nicht zu übersehen.
So das von Kern (ztsch. VII, 272 f.) hervorgehobene zusammentreffen
mit den arischen sprachen im wechsel zwischen ἀ-
privativum und ἀν- priv., wärend lat. in-, deutsch un- unverändert
auch vor consonanten bleiben. Die praeposition sa- findet
sich nur in griechischen und arischen zusammensetzungen, z. b.
ἀ-δελφειός skr. sa-garbhja-. Bemerkenswert ist das zusammentreffen
von ποτί mit apers. patij zu, an, abaktr. paiti.

In der conjugation sind ausschliesslich griechisch-arisch das
augment und die reduplicierten aoriste (Geiger urspr. u. entw.
d. menschl. spr. u. vern. I, 434 ff.). Dass überhaupt in der
ganzen conjugation keine sprache sich den arischen so eng anschliesst
wie das griechische, braucht kaum ausdrücklich erwähnt
und im einzelnen nachgewisen zu werden. Ebenso wenig die
höchst wichtige tatsache, dass ausser dem futurum exactum
in keiner einzigen neubildung auf disem gebiete griechisch und
italisch übereinstimmen.

Die infinitive auf -ναι, -εναι, -μεναι finden nur in den
arischen sprachen entsprechendes : ἴδ-μεναι, δό-μεναι = ved.
vid-mánē, da-manē, abaktr. çtao-mainē (Benfey or. u. occ. I, 606 ;
II, 97), den infinitiven auf -εναι entsprechen ved. turv-áṇē zum
überwinden, dhurv-aṇē zum fällen, die einzigen casus, welche
von den stämmen turvan, dhūrvan vorkommen. Letzteren wird
man auch das von Benfey. a. a. o. und M. Müller Rigv. transl. I,
p. 33 anders erklärte dāvánē anzuschliessen haben. Da das
suffix -van in der function nomina actionis zu bilden sonst nicht
nachgewisen ist, und da ausserdem ein da-van gebend mit
anderem accente am ende verschidener composita vorkommt,
21welches im dat. davnē *)13 von dāvánē ‘zum geben’ abweicht, so
wird letzteres dāv-ánē abzuteilen und vor dem suffixe die
mit gleichbedeutende wz. du anzunemen sein, welche in
der selben gestalt in abaktr. dāv-ōi gib erscheint.

Wie die gemeinsame benennung der zal tausend allgemein
als ein wichtiges zeugniss für die nahe verwantschaft der nordeuropäischen
sprachen gilt, so muss ir auch für die verwantschaft
des griechischen und arischen erhebliche beweiskraft zuerkannt
werden. Skr. sahasra-, abaktr. hazaṅra- hat nämlich
Fick (vgl. wtb. 70) unzweifelhaft richtig in sa-hasra- zerlegt
und so gedeutet, dass sa wie in skr. sa-kṛt, griech. ἑ-κατόν
‘eins’ bezeichnet, hasra- aber fast ganz identisch ist mit aeol.
χέλλιοι, für *χεσλιοι. Keine andere europäische sprache kennt dis
wort. Nur griechisch-arisch ist ferner das zalsuffix skr. -ças,
griech. -κας, -κις panḱa-ças zu fünfen = πεντά-κις, skr. bhāga-ças
teil für teil, wie ἀνδρα-κάς mann für mann.

Und wenn wir die götternamen durchmustern, da finden
Ἐρμείας, Ἐρινύς, Οὐρανός, Κένταυρος, Τριτο-γένεια, Προμηϑεύς,
Φλεγύας u. a. nur in Indien verwante, wärend die zal der
italisch-indischen gottheiten mit Saeturnus, Neptunus, Mars,
Venus erschöpft ist, deren letztere im veda aber noch gar nicht
personalität gewonnen hat **)14. Disen gegenüber sind als speciell
graecoitalische gottheiten bisher nur Ἑστία-Vesta und Διώνη-
Juno, Ζήν-Janus gefunden worden. Und dise sind auch nur
modificationen indogermanischer gottheiten, erstere im indischen
genius der hofstatt vāstōš-pati- widergefunden (Grassmann ztschr.
XVI, 172), letztere aus dem indogermanischen Djaus entstanden.
Die nachweisungen sehe man im anhange V ff. Mythos und
religion der Griechen und Italiker weichen irem ganzen charakter
nach auf das stärkste von einander ab. ‘Familie und stat, religion
22und kunst sind in Italien wie in Griechenland so eigentümlich,
so durchaus national entwickelt worden, dass die gemeinschaftliche
grundlage, auf der auch hier beide völker fussten, dort
und hier überwuchert und unseren äugen fast ganz entzogen
ist.’ Dis sind die worte eines der angesehensten verfechter
graecoitalischer verwantschaft *)15.

Endlich schliesst sich der griechische sprachschatz fast
ebenso eng an den arischen wie an den italischen. Der anhang
V verzeichnet 132 ausschliesslich graecoitalische worte,
der folgende 99 ausschliesslich griechisch-arische. Hiernach
werden allerdings die letzteren von ersteren an zal überwogen,
jedoch nicht so stark, wie es scheint, wenn man
nur die summen beider verzeichnisse einander gegenüber
stellt. Es ist ja notorisch, dass das lateinische zalreiche worte
aus dem griechischen entlehnt und sich zum teil so assimiliert
hat, dass man inen die entlehnung nach lautlichen kriterien
nicht mer ansiht, und so sind gewiss in dem graecoitalischen
verzeichniss auch manche griechische lehnworte enthalten,
welche sich nicht mer von den urverwanten scheiden lassen.
Von obigen 132 worten sind 26, also etwa ein fünftel, namen
von pflanzen und tieren, von denen bekannt ist, wie leicht sie
aus einer sprache in die andere wandern (ἄβις, ἀλκυών, ἀράχνη,
γιννός, γρομφάς, ἔποψ, ἐρωδιός, ἐτελίς, ἰξός, ἴον, κῆτος, κορώνη,
κράνος, μαλάχη, μῆλον, μόρον, ὄνος, ὄροβος, πίσος, πράσον, σπόγγος,
στρίγξ, τίφη, ὕραξ, χελιδών, χήρ), ferner eine reihe namen von
geraten und auf gewerbe bezüglichen worten, deren manche
der entlehnung verdächtig sind, corona, cortina, depso, fides,
remus, turris, urceus u. a. Das griechisch-arische verzeichniss
dagegen enthält fast gar keine worte, bei denen entlehnung
warscheinlich wäre. Bringt man dis in anschlag, so stellt sich
die anzal der nur griechisch-italischen worte der der nur
griechisch-arischen ungefär gleich. Man darf jedoch nicht ausser
acht lassen, dass das griechische merere jarhunderte früher
als das lateinische zur schriftsprache wurde, und dass dadurch
23villeicht merere worte, welche ursprünglich allen Indogermanen
gemeinsam waren, und welche damals auch in Italien noch
leben mochten, im griechischen erhalten sind, wärend sie uns
in den italischen sprachen nur deshalb felen, weil dise erst
später schriftlich fixiert sind. Die italischen sprachen entfernen
sich vom arischen ungleich weiter als das griechische, da das
verhältniss der ausschliesslich italisch-arischen worte (anhang
VII) zu den ausschliesslich graecoarischen wie 20 zu 99, also
fast wie 1 zu 5 ist. Auffallend gering ist die zal der ausschliesslich
graecoitalisch-arischen worte, der anhang VIII besteht
nur aus vier numern, doch habe ich auf dise worte erst später
geachtet als auf die übrigen, es werden hier also verhältnissmassig
mer meiner aufmerksamkeit entgangen sein als in den
übrigen verzeichnissen. Nimmt man nun eine graecoitalische
grunclsprache an, so wird man diser sämmtliche griechischen
und lateinischen worte, welche sich im arischen widerfinden,
zusprechen müssen. Soll es nun reiner zufall sein, dass von
disen 123 worten im italischen nur 24, im griechischen aber
103 erhalten sind ? Wer die geographischen verhältnisse in
betracht zieht, wird an solchen zufall schwer glauben.

Also auch in Südeuropa besteht das selbe verhältniss wie
in Nordeuropa, es gibt keine grenze zwischen den arischen
und den europäischen sprachen, das griechische ist ebenso unzertrennlich
mit dem lateinischen wie mit dem arischen verbunden.
Dass es keine gemeinsame europäische grundsprache
gegeben hat, bewis uns schon das slawische, jetzt sind auch
die südeuropäische und die graecoitalische grundsprache unhaltbar
geworden, und wir sehen überall nur stufenweisen continuierlichen
übergang von Asien nach Europa.

Ebenso wenig wie wir die bisher betrachteten sprachen
von einander reissen und genealogisch trennen konnten, ist dis
bei den noch übrig bleibenden europäischen möglich, wie ich
hier nur ganz kurz anzudeuten brauche, da ich dabei auf die
resultate der untersuchungen von Lottner, Ebel und Schleicher
verweisen kann.

Lottner kommt in seinem oben schon erwähnten aufsatze
24über die stellung der Italer zu dem ergebnisse, dass das lateinische
nirgends in seiner grammatik eine speciellere verwantschaft
mit dem griechischen zeige, vilmer an mereren stellen
eine entschidene hinneigung zu den nordischen sprachen (ztschr.
VII, 49). Auch seine lexicalischen zusammenstellungen ergeben
eine grössere menge gleicher worte und wurzeln zwischen dem
lateinischen und den nordeuropäischen sprachen als zwischen
dem lateinischen und dem griechischen. Die culturgeschichtlich
wichtigsten worte teilt es mit den nordischen sprachen
(163 ff.), z. b. ador got. atisk ; farr- got. baris ; grānum got.
kaurn u. a. Dem gegenüber sind die engen beziehungen des
lateinischen zum griechischen, welche beide sprachen von einander
zu trennen verbieten, oben (s. 19 f.) angedeutet.

Die speciellen übereinstimmungen des lateinischen mit dem
keltischen haben Schleicher (beitr. I, 437 ff.) und Lottner
(beitr. II, 309) hervorgehoben, sie sind zum teil derart, dass
sie die zufälligkeit absolut ausschliessen, so die neubildungen
des passivs mittels anhängung des reflexivpronomens, dessen
s im keltischen wie im lateinischen zu r geworden ist, obwol
das keltische disen lautwandel sonst nicht kennt. Ferner die
mit dem praesens der wurzel bhu gebildeten futura : predchibid
= praedicabit, und die mit wurzel as zusammengesetzten perfecta :
altir. (ro)-gén-sa-m fecimus gebildet wie lat. man-si-mus,
anderer gemeinsamkeiten zu geschweigen. Also, was sich bei
den bisher betrachteten sprachen herausgestellt hat, gilt auch
vom lateinischen, es ist die organische vermittelung zwischen allen
seinen nachbaren, dem griechischen, keltischen und deutschen.

Und das keltische ist weiter die organische vermittelung
zwischen dem lateinischen und deutschen, wie Ebel (beitr. II,
137-194) ausfürlich dargelegt hat. Ebel fasst das resultat
seiner untersuchung folgendermassen zusammen : ‘Überall haben
sich uns mindestens ebenso bedeutsame analogien des keltischen
zum deutschen (und in zweiter linie zum litu-slawischen) ergeben
als zum italischen (und sodann zum griechischen) ; eine
art mittelstellung wird somit kaum zu leugnen sein’ u. s. w.
(s. 194). Und die sätze, mit welchen Ebel seine untersuchung
25eröffnet, stehen in völligem einklange mit dem in disen blättern
entwickelten. Er sagt : ‘Die europäischen glider des arischen
[d. h. indogermanischen] sprachstammes bilden eine kette, deren
beide enden nach Asien hinübergreifen ; unverkennbar zeigt
die meisten berürungen mit den asiatischen sprachen das
griechische, wogegen das slawische wol die meisten speciellen
übereinstimmungen mit den iranischen aufweist. Ebenso wie hier
schliessen sich auch innerhalb diser kette die nächst gelegenen
glider anerkanntermassen zunächst an einander an’ u. s. w.

Wir können nun allerdings gemeinsame eigentümlichkeiten
mererer sprachen unter einer collectivbezeichnung zusammenfassen,
z. b. von graecoitalischen gemeinsamkeiten sprechen.
Dass inen aber eine historische realität beiwone, d. h. dass es
jemals eine graecoitalische grundsprache gegeben habe, aus
welcher durch spaltung das griechische und italische hervorgegangen
seien, halte ich nicht für erwisen.

Überall sehen wir continuierliche übergänge aus einer
sprache in die andere, und es lässt sich nicht verkennen, dass
die indogermanischen sprachen im ganzen und grossen desto
mer an ursprünglichkeit eingebüsst haben, je weiter sie nach
westen vorgerückt sind, und je zwei an einander grenzende
sprachen immer gewisse nur inen gemeinsame charakterzüge
zeigen. So gibt es grammatische formen, welche, in den arischen
sprachen üblich, nicht weiter nach westen erhalten sind
als in den europäischen grenzsprachen, dem slawolettischen
und griechischen, dahin gehört z. b. der zusammengesetzte aorist,
villeicht auch das futurum auf -sjāmi, doch nicht sicher, da
das lateinische futurum exactum ja das selbe suffix hat, wenn
es auch im stamme abweicht. Worte und wurzeln, welche nur
in den genannten sprachen nachgewisen sind, verzeichnet der
anhang IX. Nur auf dem grenzgebiete von Europa-Asien findet
sich der übergang von s in h, im eranischen, griechischen und
slawischen zwischen vocalen, anlautend nur in den beiden erstgenannten *)16.26

Nur im arischen, griechischen und slawischen hat der
pronominalstamm ja- relative bedeutung gewonnen, was für
die syntax diser sprachen von grosser bedeutung geworden ist.

Besonders bevorstechend ist die eigentümlichkeit der betonung.
Der freie an keine silbe des wortes gebundene hochton,
wie wir in im indischen finden, hat sich in voller unbeschränktheit
nur in den an das arische grenzenden slawolettischen
sprachen und innerhalb der drei letzten silben in
dem ebenfalls an das arische grenzenden griechischen erhalten.
Je weiter nach westen eine sprache vorgeschoben ist, desto
einförmiger wird ire betonung. Das altlateinische war in seiner
betonung noch freier, verliert dise freiheit aber und macht die
ganze betonung von der quantität der paenultima abhängig.
Die freie betonung im slawischen ist auch nur im osten und
süden bei Russen, Bulgaren und Serben bewart, die Westslawen
mit ausname der Polaben haben dagegen den ton unabänderlich,
die Polen auf die paenultima, die Čechen und Sorben
nach deutscher art auf die wurzelsilbe der worte gebannt. Ob
die Letten das gleiche betonungsprincip den deutschen colonisten
verdanken oder aus eigenem antribe geschaffen haben,
bleibt unentschiden.

Wollen wir nun die verwantschaftsverhältnisse der indogermanischen
sprachen in einem bilde darstellen, welches die
entstehung irer verschidenheiten veranschaulicht, so müssen
wir die idee des stammbaumes gänzlich aufgeben. Ich
möchte an seine stelle das bild der welle setzen, welche sich
in concentrischen mit der entfernung vom mittelpunkte immer
schwächer werdenden ringen ausbreitet. Dass unser sprachgebiet
keinen kreis bildet, sondern höchstens einen kreissector,
dass die ursprünglichste sprache nicht im mittelpunkte, sondern
an dem einen ende des gebietes ligt, tut nichts zur sache.
Mir scheint auch das bild einer schiefen vom sanskrit zum
keltischen in ununterbrochener linie geneigten ebene nicht
unpassend. Sprachgrenzen innerhalb dises gebietes gab es
27ursprünglich nicht, zwei von einander beliebig weit entfernte
dialekte des selben A und X waren durch continuierliche
Varietäten B, C, D, u. s. w. mit einander vermittelt. Die entstehung
der sprachgrenzen oder, um im bilde zu bleiben, die
umwandelung der schiefen ebene in eine treppe, stelle ich mir
so vor, dass ein geschlecht oder ein stamm, welcher z. b. die
varietät F sprach, durch politische, religiöse, sociale oder
sonstige verhältnisse ein übergewicht über seine nächste umgebung
gewann. Dadurch wurden die zunächst ligenden sprachvarietäten
G, H, I, K nach der einen, E, D, C nach der anderen
seite hin von F unterdrückt und durch F ersetzt. Nachdem
dis geschehen war, grenzte F auf der einen seite unmittelbar
an B, auf der anderen unmittelbar an L, die mit beiden
vermittelnden varietäten waren auf gleiches niveau mit F auf
der einen seite gehoben, auf der anderen herabgedrückt.
Damit war zwischen F und B einerseits, zwischen F und L andererseits
eine scharfe sprachgrenze gezogen, eine stufe an die
stelle der schiefen ebene getreten. Derartiges ist ja in historischer
zeit oft genug geschehen, ich erinnere nur an die
immer mer und mer wachsende macht des attischen, welche
die dialekte allmählich ganz aus der schriftsprache verdrängte,
an die sprache der statt Rom, welche sämmtliche übrigen
italischen dialekte erdrückte, an das neuhochdeutsche, welches
in villeicht nicht allzu langer zeit die gleiche vernichtung der
deutschen dialekte vollbracht haben wird.

Bilder haben in der wissenschaft nur ser geringen wert, und
misfallen jemand die hier gewälten, so mag er sie nach belieben
durch treffendere ersetzen, an dem ergebnisse der vorstehenden
untersuchung wird dadurch nichts geändert

Fallen also die in neuerer zeit construierten grundsprachen,
die europäische, nordeuropäische, slawodeutsche, südeuropäische,
graecoitalische oder italokeltische dem reiche des mythus anheim,
so schwindet auch die mathematische sicherheit, welche
man für die reconstruction der indogermanischen ursprache
schon gewonnen zu haben glaubte. Zwar gibt es eine ganze
reihe von worten und grammatischen formen, deren vorhistorische
28grundformen wir zuverlässig erschliessen können, selbst
wenn sie in keiner einzigen sprache unverändert erhalten sind,
z. b. ergibt sich aus skr. bāhu-s, πῆχυ-ς, anord. bōg-r zweifellos
ein indogermanisches *bhāghu-s. In anderen aber sind wir
ausser stande bis zu einer grundform durchzudringen, das
gilt z. b. vom pronomen der ersten person : die europäischen
sprachen weisen auf *agam, die arischen auf *agham als grundform ;
skr. hṛd herz und abaktr. zaredhaēm weisen auf *ghard
als wurzelbestandteil, καρδία, cor, altir. cride, got. hairtō,
abulg. srĭdĭce, lit. szirdìs dagegen auf *kard ; skr. ē-ka- eins weist
auf ai-ka-, abaktr. aē-va-, griech. *οἶ-Ϝο- (οἶος allein) auf ai-va-,
griech. οἴ-νη einheit, lat. oi-no-s, u-nu-s, altir. óin, got. preuss.
ai-n-s, lit v-e-na-s, abulg. i-nŭ auf ai-na- als benennung der
einzal. In disen und anderen fällen finden wir schon in der
für unsere wissenschaftlichen mittel letzterreichbaren sprachepoche
dialektische variation, und es ist heute noch reine
willkür, wenn man dann eine der letzterreichbaren wortformen,
z. b. agham oder agam als ausgangspunkt für die anderen ansetzt.
Wo drei so verschidene formen wie ai-ka-, ai-va-, ai-na-
den abschluss der reconstruction bilden, da verbietet sich ein
solches verfaren von selbst.

Eine andere schwirigkeit bei der reconstruction der ursprache
entsteht aus der verbreitung der worte in historischer
zeit. In wie vil sprachen ein wort vorhanden sein muss, um
anspruch auf urindogermanischen adel zu gewinnen, das schin
nicht schwer zu entscheiden, wenn man sich die, in welcher
weise auch immer, nach rückwärts convergierenden linien eines
stammbaumes zeichnen durfte. Dise frage muss nun so lange
unentschiden bleiben, bis man die sprachen, etwa in der weise
meines anhanges IX, nur in weit grösserer ausdenung darauf
untersucht hat, wie sich die in mereren sprachen übereinstimmenden
erscheinungen geographisch verteilen. Vor der band
wage ich z. b. von den im neunten anhange verzeichneten
worten weder zu behaupten, dass auch Deutsche, Italer und
Kelten sie einst besessen haben, noch dis zu verneinen.

Dass eine einheitliche indogermanische ursprache einmal
29vorhanden gewesen sei, ist höchst warscheinlich, ja ganz sicher,
wenn sich erweisen lässt, dass das menschengeschlecht von
einigen wenigen individuen seinen anfang genommen hat.
Dis zu erweisen ligt anderen ob, wir müssen uns fürs erste damit
bescheiden, dass die sprachwissenschaft mit iren heutigen
mittein noch nicht ganz bis zu ir hindurch gedrungen ist,
in manchen fällen vilmer selbst in vorhistorischer zeit auf
dialektische variation stösst, vor welcher sie noch als nicht
weiter reducierbar stehen bleiben muss. Ja es feit uns auch
innerhalb des bis auf die grundformen reducierbaren sprachmaterials
noch jede chronologie. Nemen wir z. b. skr. vidvatsu
= εἰδόσι, so ist zwar nach aller analogie zu schliessen, dass
auch diser perfectstamm einmal redupliciert war, ferner dass
das stammbildungssuffix in ältesterreichbarer zeit vant und
das casussuffix sva, Schleicher vermutet sogar svas, gelautet
hat. Geben wir also zu, dass die ältesten formen der drei
elemente vivid-, -vant- und -svas (das schluss-s ist von Schleicher
nur nach analogie anderer pluralcasus hinzugefügt) gewesen
sind, so haben wir damit noch nicht die sicherheit gewonnen,
dass die form vividvant-svas, welche Schleicher in seiner indogermanischen
fabel anwendet (beitr. V, 207), in diser totalität
einmal gelebt hat. Niemand kann sagen, ob zu der zeit, als
die casussuffixe an die nominalstämme zu treten begannen, der
stamm unseres wortes noch vividvant- oder schon vidvant-
lautete, und ob das n jemals zugleich mit dem locativsuffix
vorkam, nicht sogleich mit antritt des selben schwand. Die
uns erreichbare grundform eines wortes, stammes oder suffixes
ist weiter nichts als das jeweilige endergebniss unserer
forschungen über das betreffende sprachelement und nur als
solches für die sprachgeschichte von wert. Sobald wir aber
eine grössere oder geringere zal von grundformen zusammenstellen
und meinen damit ein stück der ursprache, sei es so
gross oder so klein es will, aus einer und der selben zeit
gewonnen zu haben, schwindet uns aller boden unter den füssen.
Die grundformen können in ganz verschidener zeit entstanden
sein, und wir haben noch gar keine bürgschaft dafür, .dass die
30grundform A noch unverändert war, als B entstand, dass die
zugleich entstandenen C und D auch gleich lange unverändert
gebliben sind, u. s. f. Wenn wir also einen zusammenhängenden
satz in der ursprache schreiben wollen, kann es leicht
geschehen, dass er, wenn auch jedes element des selben für
sich richtig reconstruiert ist, als ganzes dennoch nicht besser
da steht als die übersetzung eines verses der evangelien, deren
einzelne worte man teils aus Vulfilas teils aus des sogenannten
Tatians teils aus Luthers übersetzungen entnommen hätte,
da alle geschichtliche perspective in der ursprache noch felt.

Die ursprache bleibt demnach bis auf weiteres, wenn wir
sie als ganzes betrachten, eine wissenschaftliche fiction. Die
forschung wird durch dise fiction allerdings wesentlich erleichtert,
aber ein historisches individuum ist das, was wir
heute ursprache nennen dürfen, nicht.

In diser untersuchung habe ich das arische, slawolettische
griechische, italische u. s. f., wie zu geschehen pflegt, je als
ein ganzes betrachtet. In wirklichkeit sind sie dis nicht, und
es muss weiterer forschung vorbehalten bleiben zu entscheiden,
ob die für das grosse ganze der indogermanischen sprachen
hier abgewisene vorstellung der sprachtrennungen und des
stammbaumes auf beschränkterem gebiete ire richtigkeit hat,
ob z. b. die in historischer zeit erscheinenden slawischen
sprachen durch eine oder merere spaltungen aus einer
slawischen grundsprache, und dise aus einer slawolettischen
grundsprache hervorgegangen sind, oder ob sich auch hier
die einzelnen sprachen durch allmähliches wachsen der dialektischen
verschidenheiten von einander entfernt haben, wie ich
es für eine frühere periode der indogermanischen sprachgeschichte
zu erweisen versucht habe.31

1*) V. Hehn kulturpflanzen und hausthiere in ihrem übergang aus Asien
nach Griechenland und Italien sowie in das übrige Europa, s. 399 bezweifelt
die richtigkeit dises schlusses.

2*) ánu tád urvi ródasī ģihātām ánu djukšó váruna indrasakhā | ánu viçve
marúto jé sahaso rājá° sjāma dharúṇā dhijádjhai
|| es sollen dem nachgehen
(= danach trachten, dafür sorgen) die beiden weiten welten, der himmlische
Varuna, Indras freund, es sollen nachgehen alle Maruts die starken,
auf dass wir (fähig) seien des reichtums grundlage zubehaupten RV. VII, 34, 24.

3**) Dise form ist allerdings nicht belegt, aber aus dem acc. pl. frijóndjós
Luc. 15, 9 nach analogie der belegten nominative hulundi, thusundi
u. a. (L. Meyer got. sprache s. 357) mit sicherheit zu erschliessen.

4*) tusimtons findet sich nur an einer stelle des katechismus, sollte
es für tusuntons verdruckt sein ?

5**) Das k in túkstantis ist unursprünglich entwickelt, wie solches vor s
merfach geschehen ist ; vergl. áuksas gold, preuss. ausis, lat. aurum ;
kriksztyti taufen, preuss. kristionisto neben crixtitni, abulg. krĭstiti, mhd.
kristen ; lett. pirksts finger, lit. pirsztas, preuss. nage-pirstis zehe, abulg.
prĭstŭ ; lit. żvaigżde stern, abulg. zvĕzda u. a. An herleitung des wortes
für tausend aus lit. tùkti fett werden ist also nicht zu denken.

6*) Für dise wurzel lässt sich die geltung des ģ als ž noch durch zwei
von Ascoli nicht hervorgehobene formen zur evidenz erweisen, nämlich,
durch die 2. sg. aor. ajās RV. III, 29, 16. IX, 82, 5. VS. VIII, 20.
Nir. IV, 25. und durch avajās, nom. zu ava-jāģ- opferanteil RV. I, 173, 12.
Pāṇ. VIII, 2, 67. Der übergang von ģs in s begreift sich, nicht, wenn ģ
die media zu darstellt, ist aber durchaus gerechtfertigt, wenn mit dem
schriftzeichen für ģ der laut ž, die media von ç, ausgedrückt wird. In
letzterem falle muste ž (ģ) vor dem stammen s zunächst zu ç werden
und floss dann mit dem s zu s zusammen, gerade wie in purōḍās, purōḷās,
nom. sg. von purōḍāç- opferkuchen. Die grammatiker leren ferner, dass
vor den mit consonanten anlautenden casussuffixen avajas- als thema eintrete,
ebenso wie purōḍās-, z. b. dat. du. avajōbhjām (s. Böhtlingk zu Pāṇ.
VIII, 2, 67. III, 2, 71. 72.) wie purō ḍōbhjām, auch dis ist nur bei spirantischer
geltung des ģ erklärbar.

7*) Auch für dise wurzel lässt sich die geltung des h als žh durch die
angaben, welche die grammatiker über die declination von çvēta-vāh (mit
weissen rossen farend) machen, erweisen : nom. sg. çvētavās, vor den mit
consonanten anlautenden casussuffixen soll çvētavas- als thema eintreten,
Pāṇ. VIII, 2, 67, Böhtlingk zu der stelle und zu III, 2, 71. 72 ; vergl. die
vorige anmerkung.

8*) Die bestimmte adjectivdeclination, praep. radi, wz. pis, svętŭ, suka =
med. σπάκα.

9**) Die einfachen aoriste, dualisch flectirte dvandvacomposita, pron. ava-,
die zalworte pętĭ, devętĭ, desętĭ, prĭvŭ, die benennung gottes bogŭ.

10*) Aus *mlĭzą entstanden, s. verf. z. gesch. d. indog. vocalism. I, 20.

11*) Doch erklärt Curtius mit recht dise frage für noch nicht abgeschlossen :
mihi quidem ad finem hae quaestiones nondum perductae esse videntur, nec
poterunt perduci nisi diligentiori opera et majore doctrina in hoc argumentum
adhibita, ab omnibus adhuc fere in transcursu tractatum. (memoriam F. A. G.
Spohnii d. XX mens. Jan. 1870 indicit G. Curtius, Lipsiae, p. 4).

12*) Aus disem gründe kann ich. der von Curtius (ztschr. VIII, 204 ff., stud.
III, 187) hervorgehobenen übereinstimmung des suffixes der 2. und 3. pers.
sing. imperat. lat. es-tōd = ἔσ-τω(τ), 2. pers. ἐλϑε-τῶς, φα-τῶς keine beweiskraft
für die nähere verwantschaft der beiden sprachen beimessen, da
auch vedisch das suffix -tāt für die 2. 3. sg. imperat. gebräuchlich- ist, das
griechische und italische hier also nur eine altertümlichkeit bewart haben,
welche die übrigen europäischen sprachen eingebüsst haben. Das selbe
gilt von den adjectiven auf -λο-ς, lat. -lu-s u. s. w., deren übereinstimmung
Curtius in dem in der vorigen anmerkung angefürten programme hervorhebt,
denn den bildungen wie τροχαλός tremulus entsprechen skr. ḱapala-s,
tarala-s, got. skathuls, abulg. gni-lŭ u. s. w., wie Curtius (a. a. o. p. 8) bemerkt ;
ὁμαλός und similis finden sich in altir. samail, samal similitudo wider
(Ebel beitr. II, 158). Auch zwischen den suffixen -τα-λιο, -τα-λεο und lat.
-ti-li- besteht kein derartiger zusammenhang, dass man genötigt wäre, sie
schon aus einer gemeinsamen graecoitalischen grundsprache herzuleiten.
Curtius (a. a. o. p. 11) ist selbst der ansicht, dass sie von participien ausgehen,
z. b. ὀπ-τα-λέο-ς von ὀπ-τό-ς, coc-ti-li-s von coc-tu-s abgeleitet seien.
Dise ableitung aber kann in jeder sprache unabhängig von der anderen
vor sich gegangen sein.

Nicht beistimmen kann ich Curtius darin, dass schon in graecoitalischer
zeit der wortton nie über die drittletzte silbe hinausgerückt sei (ztschr.
IX, 321), denn wir haben in jeder der beiden sprachen unzweifelhafte beispile
des hochtons auf der viertletzten silbe : opituma, *Sabinium (vergl. osk.
Safinim) konnten iren drittletzten vocal nicht verlieren, wärend er den
hochton hatte, optuma, Samnium beweisen also zweifellos eine alte betonung
ópituma, Sábinium u. a. (Corssen krit. beitr. 577 ff. ; ausspr. II2, 902 ff.).
Gerade so begreifen sich βέβλημαι, κέκλημαι u. a. nur aus einer alten betonung
*βέβαλημαι, *κέκαλημαι (Corssen kr. beitr. 584). Denn der gedanke,
dass dise worte etwa aus, *βέβαλμαι, *κέκαλμαι durch sogenannte metathesis
entstanden seien, ist gänzlich abzuweisen, weil in disem falle die formen
im aeolischen und dorischen *βεβλᾶμαι, *κεκλᾶμαι lauten müsten, sie lauten
aber in disen dialekten wie im attischen (Ahrens dial. I. 87. II, 132).

13*) ōšišṭha-davnē dem ser rasch gebenden, wie Taitt. S. I, b, 12, 3
nach dem Petersburger wörterbuche V, 1227 zu lesen ist.

14**) Von den umbrischen Tursa, Vesuna, Puemuno, Erino wissen wir zu
wenig, als dass wir Grassmanns erklärungen derselben = skr. tarša-, vāsanā,
pavamāna-, aruṇa- (ztschr. XVI, 183. 188. 189) für mer als vermutungen
gelten lassen könnten.

15*) Mommsen röm. gesck. I5, 24.

16*) Der irische übergang von s zwischen vocalen in h ist durch die
in gleicher lage auch andere consonanten ergreifende aspiration bewirkt,
also mit dem lautwandel der genannten sprachen nicht zu vergleichen.