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5326_de_Buhler_T02 (Bühler, Karl)

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Vorwort.

Werkzeug und Sprache gehören nach alter Einsicht zum Menschlichsten
am Menschen: homo faber gebraucht gewählte und
ausgeformte Dinge als Zeug und das Zoon politikon setzt Sprache ein
im Verkehr mit Seinesgleichen. Eine neue vertiefte Auslegung dieser
schlichten Weisheit ist von der physischen und psychologischen
Anthropologie aus möglich und im Werden. In der Reihe der vergleichenden
Anatomen war Charles Bell, der geniale Begründer
unserer Erkenntnis vom Aufbau des Zentralnervensystems, der
erste, der seine vergleichende Organbetrachtung abschloß und krönte
durch eine biologisch fundierte Theorie des menschlichen Ausdrucks.
Seinem ganzen Körperbau nach sei der Mensch auf Werkzeug und
Sprache angewiesen, auf Werkzeug und Sprache hin organisiert.
Bell schrieb in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts,
und die Leitidee der Bellschen Anthropologie ist keineswegs veraltet;
in meinem Buche „Ausdruckstheorie” ist neu gefaßt und
ausgelegt, was Bell gesehen hat. Wer heute darüber hinaus die
sorgfältige Diskussion der körperlichen Sondereigenschaften des
Menschen in dem Buch von O. Abel 1) auf sich wirken läßt, kommt
auf die alte Weisheit zurück und kann als Psychologe im Anschluß
an das von Abel entworfene Lebensbild der tierischen Vorfahren
des Menschen ohne zuviel Phantasie einen modernen Mythos der
Menschwerdung am Werkzeug und an der Sprache dichten. Einen
Mythos, der in entscheidenden Punkten das Wesen der Menschensprache
korrekter fassen müßte, als es in dem sonst lehrreichen
Buche von de Laguna „Speech. Its function and development”
geschieht. Doch das liegt abseits von unserem Wege; ich will den
modernen Mythos vom Sprachursprung gesondert in der Zeitschrift
für Psychologie erzählen. Hier im Buche ist es nicht die Frage
„woher kommst du des Weges?” sondern die andere „was bist
du?”, die wir an die Sprache stellen.

Die Sprache ist dem Werkzeug verwandt; auch sie gehört zu den
Geräten des Lebens, ist ein Organon wie das dingliche Gerät, das leibesfremde
materielle Zwischending; die Sprache ist wie das Werkzeug
ein geformter Mittler. Nur sind es nicht die materiellen Dinge, die
XXIauf den sprachlichen Mittler reagieren, sondern es sind die lebenden
Wesen, mit denen wir verkehren. Eine umsichtige Bestimmung
der medialen Eigenschaften des Sprachgerätes muß zunächst in der
Werkstatt und mit den Mitteln derer erfolgen, die es am genauesten
kennen. Es sind die Philologen und Linguisten, welche die intimste
Kenntnis der Menschensprachen haben. Auf den folgenden Blättern
wird die Sprache in der Werkstätte der Linguisten auf Strukturgesetze
durchmustert. Wenn die Vorzeichen nicht trügen, gehen
wir einem neuen Aufschwung der vergleichenden Sprachforschung
entgegen, einer Phase des universellen Vergleiches der Menschensprachen,
in der auf höherer Plattform verwirklicht werden soll, was
einem W. v. Humboldt und seinen Zeitgenossen schon vorschwebte.

Das erste Wort einer Gesamtbetrachtung ist das von der
wesenhaften Strukturgleichheit aller bekannten und untersuchten
Menschensprachen; der Singularis „die Sprache” hat einen
guten Sinn und ist verifizierbar. Wir formulieren vier Leitsätze
über die Sprache, die für alle Zungen gültig sind. Sie sollten, wie
mich dünkt, nicht nur weit genug, sondern auch präzis genug sein
und einen Gleichheitsrahmen fixieren, in welchen alle wirklichen
Verschiedenheiten systematisch eingezeichnet werden können. Das
ist der Glaube und die Hoffnung, die ich auf das Buch setze.

Es drängt mich anzuerkennen, daß alles Entscheidende, was
gesagt werden soll, im Werk der großen Sprachforscher vorbereitet
lag. Angefangen mit dem Zeigfeld der Sprache, das die ersten
Griechen kannten und neuere wie Wegener, Brugmann, Gardiner
wieder entdeckten, bis in alle Feinheiten des Symbolfeldes hinein,
das stets im Mittelpunkt der grammatischen Analyse stand und
von den modernen- Historikern in allen Zweigen des Indogermanischen
durchsichtig dargestellt worden ist. Es gilt für mein Buch
in höherem Grade als für andere das Wort im Tasso: „Ich hab es
nur von Euch”. Freilich, die Fassung der Leitsätze mußte an den
meisten Stellen verallgemeinert und vereinfacht, sie mußte nicht
selten auch neu gefunden werden; das ist es, was das Buch für
sich in Anspruch nimmt und woraus es sein Daseinsrecht ableitet.
Der Feldbegriff, den es vorschlägt, ist ein Erzeugnis der modernen
Psychologie; ein Leser, der ihn von innen heraus begreifen will,
verfolgt seine Entstehung in der Farbenlehre am Phänomen des
Kontrastes. Dort unterschieden Schüler Herings das ‚Infeld’ und
‚Umfeld’. Wir werden ganz in ihren Bahnen die Umfelder der
Sprachzeichen systematisch bestimmen und aus den weitesten Bereichen
der den Sprachsinn, wo immer gesprochen wird, mitbestimmenden
XXIIUmstände das Zeigfeld und das Symbolfeld der
Sprache logisch reinlich herausarbeiten. Daß es nicht nur ein Feld,
sondern zwei Felder in der Sprache gibt, ist eine neue Lehre. Doch
steht sie, wie mich dünkt, in bestem Einklang mit einer alten Einsicht
der Philosophen. Sie verifiziert im Bereich der Sprache den
Satz von Kant, daß Begriffe ohne Anschauungen leer und Anschauungen
ohne Begriffe blind sind; sie zeigt, wie das Sprechdenken
die genannten zwei Faktoren, welche zur vollendeten Erkenntnis
gehören, in merkwürdiger aber durchschaubarer Verschlingung zugleich
mobilisiert. Was Cassirer (wenigstens im Darstellungsschema)
als die zwei Entwicklungsphasen der Menschensprache beschreibt,
ist eine Zweiheit von Momenten, die uneliminierbar in
jedem Sprachphänomen enthalten ist und heute noch so gut wie
je zum Ganzen der Sprache gehört. So wenigstens in dem Hauptbereiche
des natürlichen Sprechens und wenn man den Grenzfall von
Sätzen, wie sie die reine Logik bildet, und den Grenzfall einer künstlich
von jeder Anschauung „gereinigten” Symbolsprache sachgemäß
als einen Grenzfall und nicht als die Norm ansieht. Dazu wird noch
manches zu sagen sein. Einstweilen behauptet die Zweifelderlehre, daß
das anschauliche Zeigen und Präsentieren in mehreren Modis genau
so zum Wesen der natürlichen Sprache gehört und ihm nicht ferner
steht wie die Abstraktion und das begriffliche Erfassen der Welt.
Das ist die Quintessenz der hier entwickelten Sprachtheorie.

Sie verfolgt philosophische Fragen, die sich um ihren Ansatz
spinnen und von ihr neu eröffnet werden, nicht weiter als es das
Thema verlangt. Ich weiß, daß man auch, anders vorgehen kann
in den Entscheidungsfragen der Erkenntnistheorie; die Scholastiker
versuchten es nicht selten, ihre ontologischen Alternativen
an sprachlichen Phänomenen zur Entscheidung zu bringen. Es ist
nicht unseres Amtes dazu das Wort zu ergreifen; wohl aber gehört
es zur Idee einer schlichten Beschreibung der Sprachphänomene,
daß sie sich im eigenen Namen zur Wehr setzen darf, wo immer ein
Übergriff erfolgt, wo immer man den Phänomenen ein Bekenntnis
abzwingen will, das sie von sich aus nicht zu bieten imstande
sind. Das einfachste und historisch bekannteste Erläuterungsbeispiel
für das, was ich im Auge habe, ist eine jener Stoffentgleisungen,
die von der Sprachtheorie summarisch und systematisch
abgelehnt werden können und abgelehnt werden müssen.
Es ist die Stoffentgleisung des radikalen Nominalismus, die wir
an mehreren Stellen im Namen der Phänomene selbst beiseite
schieben. Das ist keine große Angelegenheit. Ernster wird, wie mich
XXIIIdünkt, die Auseinandersetzung mit der in Husserls Schriften
skizzierten Sprachtheorie ausfallen müssen. Ich habe in meiner
Arbeit über den Satz Kritik geübt am Standpunkt Husserls in
den Logischen Untersuchungen. Das war 1919, also vor dem Ausbau
der Husserlschen Lehre in der „Transzendentalen Logik”.
Ich erkenne in dem folgenden Buche den Fortschritt an, den die
Konstruktion einer Monadenwelt in den neuen Schriften Husserls
bringt. Allein ich muß daran festhalten, daß das Organon-Modell
der Sprache noch etwas mehr verlangt. Die Grammatik, wie sie
seit 2000 Jahren aufgebaut wird, setzt eine Art von Intersubjektivität
des Sprachgerätes voraus, die kein Diogenes im Faß und kein
Monadenwesen erreichen kann. Und es besteht für die Grammatik
nicht die leiseste Veranlassung den Weg zu verlassen, den ihr die
Sache selbst vorschreibt; Platon, J. St. Mill und die moderne
Logistik stehen in diesem Punkte auf Seiten der üblichen Sprachanalyse.
Warum ich sie für richtig und unerläßlich halte, mag
das Buch selbst erzählen.

Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in der Mitte.
Die Sprachtheorie muß das Weltkind, d. h. die einfache Spitze des
empirischen Werkes der Sprachforscher sein. Ist die Philosophie der
Prophete rechts, den sie abwehrt, wo immer die Gefahr eines Epistemologismus
d. h. das der Sprache erpreßte Bekenntnis zu einer der
möglichen erkenntnistheoretischen Grundhaltungen droht, so darf sie
dem Prophet zur Linken den gleichen Respekt ihrer Selbständigkeit
abverlangen. Die Psychologie ist der Prophete links. Was sich nach
der Neuordnung im Hause der Psychologie die Wissenschaft von
der Sprache und die Seelenlehre gegenseitig zu bieten haben, ist
zum Thema erhoben in meinem Buche „Die Krise der Psychologie”.
Es sei hier im neuen Vorwort noch einmal in Kürze gesagt, daß das
Faktum des Zeichenverkehrs bei Mensch und Tieren eine Zentralangelegenheit
der vergleichenden Psychologie geworden ist. Ihre
sachgemäße Behandlung führt über das Menschlichste am Menschen,
die Sprache, weit hinaus. Denn es gibt kein tierisches Gemeinschaftsleben
ohne Steuerungsmittel des sozialen Verhaltens der Gemeinschaftsglieder;
es gibt keine Gemeinschaft ohne Zeichenverkehr, der
im Reich der tierischen Lebewesen ebenso alt ist wie der Stoffverkehr.
Und diese Steuerungsmittel, die wir exakt beobachten
können, sind das vormenschliche Analogon zur Sprache. Was ich
im Auge habe, ist exemplarisch klar bestimmbar an dem hochentwickelten
Gemeinschaftsleben der Insekten. Man braucht dazu
nur die beiden aufschlußreichsten Forschungsrichtungen, z. B. das
XXIVBuch von Wheeler „Social life among the insects” und das
Buch von K. von Frisch über „Die Sprache der Bienen” sachgerecht
zusammenzuhalten. Im Zentrum des ersteren steht der
Stoff verkehr und das Phänomen der Trophallaxis, der gegenseitigen
Ernährungshilfen, im Zentrum des zweiten der Zeichenverkehr.
Ein hochorganisierter Stoffverkehr zwischen den Gliedern einer
tierischen Lebensgemeinschaft wäre ohne Zeichenverkehr überhaupt
nicht möglich. Soweit muß eine biologisch wohlfundierte
Sprachtheorie ausholen und dann noch eine letzte Horizonterweiterung
vornehmen.

Diese letzte Erweiterung des Gesichtskreises erfolgt durch
die neue Erkenntnis der vergleichenden Psychologie, daß schlechthin
jede tierische und menschliche Handlung, die diesen Namen verdient,
von Signalen gesteuert wird. Es ist kein leeres Wort, sondern
die einfachste und klarste Fassung der bemerkenswerten Befunde
von Jennings, wenn wir sagen, daß schon die Infusorien im winzigen
Bereiche ihres genau bestimmbaren Aktionssystems nach kurzem
Lernvorgang auf wohldefinierte Störungsreize wie auf Signale ansprechen
und ohne erneutes Probieren sofort erfolgreich „handeln”.
Das ist die primitivste Stufe des Signales, die wir kennen. Und
Signale im Getriebe des sozialen Verkehrs sind auch die Laute der
Menschensprache. Davon wird ausführlich die Rede sein.

Soweit also muß man die Betrachtung spannen, um die biologischen
Wurzeln des animalischen Zeichenverkehrs zu finden. Die
im tierischen Gemeinschaftsleben produzierten Signale erscheinen
uns danach nicht mehr wie ein verwunderliches Sondergewächs,
sondern als die höchste und reichste Aktualisierung und Entfaltung
von Potenzen, die jedes psychophysische System handelnder Lebewesen
nachweisbar enthält. Der Begriff ‚psychophysisches System’
ist ohne das Merkmal des Ansprechens auf Signale nicht definierbar.

Wer dies erkannt hat, soll darüber nicht blind werden, sondern
sehend bleiben für die Sondereigenschaften der menschlichen Sprache.
Er denke im Vorbeigehen etwa an den Zeichenverkehr, wie er sich
zwischen uns Menschen und unserem vertrauten Hausgenossen,
dem Hunde abspielt. Ist das Sprache? Was canis domesticus
„versteht” an Leithilfen, die ihm vom menschlichen Partner geboten
werden, und was er seinerseits produziert, um seinen Herrn
zu steuern, gehört ohne Frage zum Höchsten und Differenziertesten,
was wir am Tiere kennen. Daß die Laute und das übrige Verkehrsgebaren
des Hundes nuancenreichen Ausdruck enthält, ist von Sachverständigen
nie bezweifelt worden. Trotzdem ist es nicht die volle
XXVMenschensprache, die vom psychophysischen System des Hundes
aufgenommen und nichts völlig Äquivalentes zur Sprache, was
von ihm selbst produziert wird.

Denn keiner der vier Leitsätze über die Sprache des Menschen,
die in diesem Buche formuliert werden, ist voll realisiert in der
„Sprache” des Hundes. Warum? Weil das hündische Verkehrsgebaren
wie alle anderen tierischen, die wir kennen, der dominierenden
Funktion menschlicher Sprachzeichen, nämlich der Darstellungsfunktion
ermangelt. Ob dies ein absoluter Mangel ist oder nur in die
Augen springt als enormer Gradunterschied, bleibe vor dem Ergebnis
exakter Untersuchungen dahingestellt. Denn so befremdend
es klingen mag, es gibt darüber in der ganzen Tierpsychologie keine
exakten Untersuchungen, die modernen Ansprüchen genügen. Es
fehlte freilich bisher auch eine Fassung der Strukturgesetze der
Menschensprache, die so scharf und bestimmt gewesen wäre, daß
das Tierexperiment einen Halt und Maßstab daran hätte finden
können. Es ist also für die ganze vergleichende Psychologie ein
neuer Impuls gesetzt, wenn es gelingt, die Eigenart der Menschensprache
so zu fassen, daß Vergleiche zwischen menschlichem und
tierischem Zeichenverkehr einem Urteilsspruch aus der Tiefe des
Gemütes entrückt werden.

Die wenigsten Tierpsychologen von heute haben eine hinreichende
Sachkenntnis von dem erstaunlich komplexen Instrument
der menschlichen Sprache. Der beste Lehrgang, den man ihnen
empfehlen könnte, wäre nicht im Laboratorium der Normalpsychologie,
sondern bei den Neurologen und Psychiatern, wäre bei den
intimen Kennern der zentralen Sprachdefekte und Sprachstörungen
des Menschen zu absolvieren. Ich selbst ging als Mediziner, der ich
war, von diesem Gebiete aus; das war noch vor der entscheidenden
Wendung, welche die Aphasielehre dem Eingreifen von Forschern
wie Head, Gelb und Goldstein, Isserlin, Poetzl u. a. verdankt.
Heute ist es eine meiner Hoffnungen, daß es gelingen wird, die
Quintessenz der linguistischen Sprachanalyse in wechselseitig fruchtbaren
Kontakt zu bringen mit den Ergebnissen aus der Betrachtung
jener andersartigen Analyse, jener unbarmherzigen Realauflösung
des menschlichen Sprachvermögens, das die Pathologen studieren.
Es war einstweilen das Gebot einer methodischen Reinheit des
Vorgehens und sonst nichts, was mich veranlaßte, von einer Bezugnahme
auf die moderne Aphasielehre in diesem Buche abzusehen.
Ähnliche Gründe sprachen gegen den Versuch einer systematischen
Ausbeute der Einsichten in den Sprachaufbau, die wir der Kinderforschung
XXVIverdanken. Hier habe ich selbst mitgearbeitet und weiß,
daß nach der ersten Lese der älteren Forscher die eigentliche Ernte
denen winkt, die exakte, reproduzierbare Aufnahmen der kindlichen
Äußerungen in den entwicklungsgeschichtlich entscheidenden Phasen
zustande bringen werden.

Es geht heute sehr lebhaft zu in der Sprachtheorie; beim
Abschluß dieses Buches liegen wichtige sprachtheoretische Abhandlungen
aus den letzten Monaten vor, über die ich an anderer
Stelle berichten will. Da ist z. B. ein inhaltreicher Abriß von
J. Stenzel, „Philosophie der Sprache”, im neuen „Handbuch der
Philosophie” (1934), den ich im Anthropos besprechen soll, und
allem anderen voran der großzügige Entwurf von L. Weisgerber,
„Die Stellung der Sprache im Aufbau der Gesamtkultur” (Wörter
und Sachen, der 2. Teil im 16. Bd., 1934), über den mich die Kantstudien
um ein ausführliches Referat ersuchten. Ein Jahr alt
schon ist die lehrreiche Schrift von E. Winkler, „Sprachtheoretische
Studien” (1933). Eben noch erwähnen kann ich die Neuauslegung,
Kritik und Ergänzung Martyscher Gedanken in der
Schrift von L. Landgrebe, „Nennfunktion und Wortbedeutung”
(1934), eine tüchtige Arbeit, soweit ich sehen kann. Bemerkenswert
ist darin, daß der Leitsatz D unserer Liste, welcher der Sprache den
Charakter eines Zweiklassensystems zuspricht, sachgemäß anerkannt
und gewürdigt wird. Das Dogma vom Lexikon und von der Syntax,
das ich auf dem Sprach tag in Hamburg zum ersten Mal den Fachgenossen
vorgelegt habe (12. Kongr. Ber. f. Psych., 1931), ist heute,
soweit ich sehe, allgemein anerkannt und hat gegen die monistische
Formel der Zeitgenossen Wundts und Brugmanns vom Satz als
einziger Grundeinheit der Sprache die alte Auffassung wieder zu
Ehren gebracht; wir werden ausführlich in diesem Buche für sie
eintreten. Ich möchte im Vorbeigehen noch zwei jüngere Sammelbände
erwähnen, in denen die Lebhaftigkeit und Mannigfaltigkeit
der sprachtheoretischen Studien in unseren Tagen augenfällig wird.
Der eine ist im vierten Jahrgang der „Blätter für deutsche Philosophie”
im Jahre 1930 und der andere im Pariser „Journal de Psychologie”
1933 erschienen. In beiden Sammlungen kommen ebenso,
wie mir das bei der Vorbereitung des Sprachtages der Psychologen
in Hamburg vorschwebte, Sachverständige aus verschiedenen Fakultäten
zu Wort, und man erkennt deutlich aus dem, was sie zu sagen
haben, das Werden einer einheitlichen Sprachtheorie. Daß deren
wissenschaftliche Heimat die Sematologie ist und wie eine allgemeine
Zeichentheorie um das erstaunlich vielseitige Zeichengerät ‚Sprache’
XXVIIherum in modernem Geiste zur Wirklichkeit werden kann, dies
zu zeigen ist ein Endziel des vorliegenden Buches.

Wenn ich von seinem Schlußpunkt aus zurückdenke an die
Anfänge, so scheint mir, das System sei 1907 nach der Entdeckung der
‚syntaktischen Schemata’ im Sprechdenken (s. § 16) und 1908 nach
dem Herausheben der Darstellungsfunktion der Sprache in meinem
Sammelreferat über die Prozesse des Verstehens (3. Kongr. Ber. f.
Psych.) begründet gewesen. Vernachlässigt aber war noch (aus
Opposition gegen den Sensualismus der Psychologen in jener Zeit) der
Anschauungsfaktor des Zeigens. In München stand ich Streitberg
nahe, und als ich ihm einmal ausführlich von meinen Gedanken
zum Satzproblem der Linguisten erzählte, griff er das Entscheidende
mit erstaunlicher Sicherheit des sachverständigen Blickes auf und
ersuchte mich um einen Artikel in seinem Indogermanischen Jahrbuch;
so ist 1918 die „Kritische Musterung der neueren Theorien
des Satzes” und die Zeichnung des vollen Organon-Modells der
Sprache entstanden. Alle meine älteren Veröffentlichungen über
die Sprache waren wie diese Gelegenheitsschriften; z. B. der Beitrag
zur Vossler-Festschrift (Idealistische Neuphilologie) „Vom
Wesen der Syntax”, worin die erste Skizze des Axioms D vom
Zweiklassensystem ‚Sprache’ enthalten ist und der Beitrag zur
Festschrift für J. von Kries in den Psychologischen Forschungen,
worin eine erste Ahnung vom „Prinzip der abstraktiven Relevanz”
noch tastend formuliert wurde. Von der „Krise” und dem Hamburger
Sprachtag war schon die Rede; Dempe hat im ersten Teile seines
klar geschriebenen Buches „Was ist Sprache” ? über den Stand der
Dinge bis dahin erschöpfend berichtet. Ich würde seine Titelfrage
heute so beantworten: Sprache ist, was die vier Leitsätze erfüllt.
Die Verteidigung Husserls durch Dempe dürfte durch meine neugefaßte
Kritik hinreichend beantwortet sein. Eine geschlossene
Diskussion der vier Leitsätze über die Sprache bietet 1933 „Die
Axiomatik der Sprachwissenschaften” im Band 37 der Kantstudien.
Für das Buch habe ich sie umgeschrieben, neu geordnet und mehr
prospektiv, d.h. im Vorblick auf die ausführenden Kapitel gefaßt;
außerdem wurde die Dichotomie „Sprechhandlung und Sprachgebilde”
zum reicheren Vierfelderschema des Leitsatzes C erweitert.
Soviel zur Entstehungsgeschichte des Buches; seit ich wissenschaftlich
zu denken vermag, kreisen meine Interessen um das Phänomen
der Sprache.

Zu größtem Danke ist ein Schaffender in den Wissenschaften
regelmäßig solchen verpflichtet, die den Dank nicht mehr als Lebende
XXVIIIempfangen können. Selten aber dürfte es so sein wie heute in der
Sprachtheorie, daß man auf die Frage ‚wer ist dein Nächster?’
Jahrhunderte überschlagen muß; die werdende neue. Sprachtheorie
sieht sich gezwungen, an mehr als einem Punkte in jene Phase
der Philosophie zurückzugreifen, wo das Phänomen Sprache im
Zentrum des Weltbildes stand. Das sprachtheoretische Universalienproblem
ist nach meiner Überzeugung mit modernen Mitteln dort
wieder aufzunehmen, wo es (wie die vielen unvollendeten Dome)
ungelöst von der sinkenden Kraft der scholastischen Spekulation
stehen geblieben ist. Die Geschichte des Symbolbegriffs führt uns
noch weiter zurück und deckt in der aristotelischen Konzeption
eine verhängnisvolle Koppelung (Synchyse) von zwei Ideen auf.
Ordnungszeichen und Anzeichen zugleich und im selben Atemzuge
sind freilich die Laute der Sprache. Allein sie bilden als
Ordnungszeichen die Welt, von der die Rede ist, nicht so ab,
wie sich dies die antike Konzeption des Erkennens ausdachte.
Aristoteles hat in seiner Symbolformel (S. 185 f.) die Kundgabe-
und Darstellungsfunktion der Sprachzeichen in zu einfacher
Art gekoppelt, und die Scholastik war, soweit ich sie kenne,
nicht imstande, die connexio rerum, auf welcher das Anzeigen
begründet ist, sachgemäß und scharf genug von dem ordo rerum
der nennenden Sprachzeichen zu trennen. Von einem anderen
Punkte her gesehen und ins rein Sprachtheoretische gewendet:
es ging die völlig korrekte Scheidung, welche die Grammatik
in ihrer Geburtsstunde bei den Griechen zwischen Deixis und
nennendem, begrifflichem Erfassen vollzog, im Konzepte der Philosophen
verloren. Die neue Sprachtheorie muß beide Fehler ausgleichen
und die medialen Eigenschaften des Sprachgerätes unbefangen
wieder in ihrer vollen Mannigfaltigkeit erfassen. Das Zeigfeld
muß neben dem Symbolfeld wieder zu Ehren kommen und der
Ausdruck ob seiner eigenen Struktur von der Darstellungsfunktion
der Sprachzeichen abgehoben werden. Das erstere ist, wie ich hoffe,
in diesem Buche geleistet; zum zweiten wird ein neues Buch vonnöten
sein über den „Ausdruck in Stimme und Sprache”.

Meinen Mitarbeitern zu danken ist mir ein tiefgefühltes Bedürfnis.
Da das Buch auf ausgedehnten linguistischen Studien
ruht, hätte ich es ohne sachverständige Mitarbeiter nicht schreiben
können. Mein Assistent, Herr Dr. Bruno Sonneck, hat alle Phasen
seines Werdeganges hilfreich miterlebt und mehrere seiner Freunde,
junge Sprachvergleicher, da und dort als Förderer gewonnen; Herr
Dr. Locker z. B. arbeitete mit ihm an der Verifizierung der Idee
XXIXeiner neuen Klasse von Wörtern, der Prodemonstrativa. Dankend
gedenke ich auch der lehrreichen Diskussionen im Anschluß an
mein Kolleg im Sommer 1932, als Herr Professor Kurylowicz ein
Semester lang in unserem Kreise studierte. Die erneuten und ausgedehnten
Husserlstudien hat Dr. Käthe Wolf geleitet, deren
besonderer Obhut auch die Ausdrucksforschungen, die uns in meinem
Institut seit einigen Jahren beschäftigen, anvertraut sind. Einer
durchaus selbständigen Untersuchung, die mit dazu gehört, konnte
ich die oszillographische Wiedergabe einer gesprochenen Silbe auf
der beigefügten Tafel entnehmen; Herr Dr. Brenner hat mit
dieser Untersuchung einen Weg eingeschlagen, den in ähnlicher Weise
Gemelli und Pastori gehen und dem sie bemerkenswerte Erfolge
verdanken. (Elektrische Analyse der Sprache, II. Ps. Forsch. 18
(1933.)) Es sind neben der Analyse der phonetischen Wortgestaltung
und Satzgestaltung in der Arbeit von Gemelli und Pastori
auch jene „phonetischen Individualismen” (S. 194 ff.) zum Teil schon
sichtbar geworden, die uns in der ausdruckstheoretischen Analyse
von Brenner am meisten interessieren.

An Sprachlogikern fehlt es nicht in meinem Kreise; Herr
Kollege Brunswik, Dr. E. Frenkel und Prof. Neumann haben
mit gewohntem aktiven Interesse die endgültige Fassung der Prinzipien
in diesem Buche fördernd miterlebt. Wir hatten auch zweimal
ein Semester lang Herrn Kollegen Eino Kaila unter uns, der sich
mit innerem Interesse meiner Sprachtheorie zuwandte und Anteil
nahm an der Kritik der Prinzipien, wie ich sie einem ausgewählten
kleinen Kreise zuerst vortragen durfte. Herr Prof. E. Tolman machte
uns im vergangenen Jahre mit seinen tierpsychologischen Experimenten
vertraut, die ihn in Sachen der Signale auf die gleichen
Grundanschauungen, wie sie in der „Krise” und hier vorgetragen
werden, hinführte. Ich bin auch ihm zu bleibendem Danke verpflichtet.
Eine junge Anglistin, Dr. L. Perutz, hat mir in nie erlahmendem,
sachverständigem Eifer bei der Durchsicht der bändereichen
linguistischen Literatur zu den Themen des IV. Abschnitts
geholfen und zuletzt mit K. Wolf und B. Sonneck das Register
hergestellt. Allen zusammen bleibe ich in herzlichem Danke verbunden.XXX

1) O. Abel, Die Stellung der Menschen im Rahmen der Wirbeltiere
(Gustav Fischer, Jena 1931).