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5302_de_Steinthal_1_T03 (Steinthal, Heymann)

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Vorwort
zur ersten Auflage.

Ich habe hier über den Ursprung des vorliegenden Buches
Bericht zu erstatten, d. h. das Verhältniss desselben zu meinen
früheren Arbeiten und zu weiteren Plänen darzulegen.

Seit mehr als fünf Jahren ist sowohl mein Buch „Grammatik,
Logik und Psychologie” als auch Heyses „System der
Sprachwissenschaft” vergriffen, und natürlich wurde sogleich
an eine zweite Auflage gedacht. Indessen stellte sich bald das
Untunliche dieses Gedankens heraus. Was zuerst Heyses Werk
betrifft, so ist festzuhalten, dass es nur den Standpunkt der
Wissenschaft im Jahre 1851 darstellen konnte. Wie viel aber
ist auf dem mit jugendlichem Eifer bearbeiteten Boden der
Sprachwissenschaft seitdem geleistet worden! Das hätte nun
alles in das gegebene Fachwerk hineingearbeitet werden müssen,
wenn anders das Buch bei seinem neuen Erscheinen dasselbe
hätte leisten sollen, was es in seiner ersten Gestalt geleistet
hat: wenn es den Inbegriff der heutigen Sprachforschung in
systematischer Form hätte darlegen sollen. Darüber aber wäre
es aus den Fugen gegangen. Es war eben nicht als Sammelwerk
angelegt. Hätte eine fremde Hand hineingearbeitet, es
XIhätte seine Eigentümlichkeit verloren. Es wäre in der Tat ein
anonymes Werk geworden, das dem eigentlichen Verfasser nicht
mehr, und dem Bearbeiter noch nicht angehört hätte — ein
Werk; für welches niemand die Verantwortung übernommen
hätte. Besser also, wir lassen Heyses Nachlassenschaft unberührt.
Das Werk hatte seine Epoche und gehört der Geschichte
an; es ist in sämmtlichen öffentlichen und in vielen Privat-Bibliotheken
zu finden. Heyses Name hat seine bestimmte
Stelle und bedarf nicht der Nachhülfe eines Fremden.

Noch weniger als Heyses Buch vertrug das meinige eine
zweite Auflage. Es ist ein Gelegenheits-Buch, wie alle meine
früheren Schriften, und eigentlich nur eine weitläufige Abhandlung.
Dergleichen kann nicht mehr beanspruchen, als verarbeitet
zu werden. In das vorliegende Buch ist so viel daraus aufgenommen,
als sich tun ließ. Die ausführliche Kritik Beckers
ist weggelassen. Diese muss gewirkt haben, was sie wirken
konnte. Ich sah keine Veranlassung, sie zu wiederholen.
Becker kommt nur noch in dem einleitenden Kapitel über die
logische Grammatik als die letzte und vielleicht glänzendste
Erscheinung derselben in Betracht. — Die positive Darlegung
des Verhältnisses der Logik zur Grammatik konnte nach meinem
Plane im vorliegenden Buche noch keine Stelle finden: denn
sie setzt eine genauere Darstellung der Grammatik voraus, und
diese ist hier noch nicht gegeben. Es handelt sich hier lediglich
um den Abschnitt des altern Buches, der allerdings dort
den eigentlichen Schwerpunkt des Ganzen bildet: „Allgemeines
Wesen der Sprache und ihre Beziehung zum geistigen Leben.”
Nun ist hier dieser Abschnitt nicht bloß beinahe um das Doppelte
erweitert, sondern auch aufs ausführlichste durch die
Grundzüge einer psychologischen Mechanik begründet. Ich
habe nur noch hinzuzufügen, dass ich nicht etwa alles das,
was ich aus jenem Abschnitte des alten Buches nicht aufgenommen
habe, jetzt verläugne; es wollte sich aber vieles,
XIIobwohl es mir noch ganz recht ist, in den neuen Zusammenhang
nicht wohl fügen, und so ließ ich es weg.

Die folgenden Abschnitte des alten Buches aber: „Die
Grammatik”, „ihre Principien” und „Hauptpunkte”, endlich
„die Verschiedenheit der Sprachen” bilden den Gegenstand des
zweiten Teiles der allgemeinen Sprachwissenschaft (nach S. 31).
Dieser Teil ist einstweilen noch durch meine „Charakteristik
der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues” vertreten, soll
nun aber demnächst im Anschlusse an das vorliegende Buch
neu bearbeitet werden. Darauf deutet der Doppeltitel, der
demselben vorgesetzt ist. Die neue Bearbeitung wird wohl in
zwei oder drei Bänden erstlich die Sprachstämme ethnologisch
charakterisiren, besonders aber den indo-germanischen Typus
ausführlich darstellen und dann zweitens die Geschichte der
Sprachen, besonders des Griechischen, Lateinischen und Deutschen
enthalten. So der Plan zu einem Abrisse der Sprachwissenschaft
in drei oder vier Bänden. Doch dies gehört ganz
der Zukunft.

Indem ich nun das vorliegende Buch dem Studium meiner
Freunde darbiete, bin ich mir wohl bewusst, welche Arbeit ich
ihnen zumute. Ich kann nur sagen, dass ich bemüht war,
durch die Darstellung im großen wie im einzelnen und durch
beständiges Verweisen das Verständniss zu erleichtern. Dazu
wird auch die Inhaltsanzeige mitwirken. Indem sie dem Leser
die Gliederung des Ganzen übersichtlich vorführt, unterstützt
sie ihn in der Mühe, sich beständig den Zusammenhang des
Einzelnen gegenwärtig zu halten. Noch zu einem andern
Zwecke habe ich sie verwendet. Das Verweisen auf später
folgende Erörterungen ist unvermeidlich, kann aber nicht mit
genauer Angabe des Paragraphen geschehen, wie bei den Rückweisungen.
Für die erste Lesung wäre ja auch diese Genauigkeit
unnütz; aber sehr wichtig kann sie für die wiederholte
Lesung werden. Wer den Verfasser prüfen will, muss bestimmt
XIIIwissen, welche folgende Stelle er bei einer früheren im Sinne
gehabt hat. Ich habe daher im Inhaltsverzeichnisse bei denjenigen
Paragraphen, welche in späteren ihre Ergänzung finden,
die letztern genau bezeichnet.

So bleibt mir nur noch der Wunsch, dass der Leser für
die Mühe, welche er diesem Buche widmet, in Belehrung oder
Anregung Ersatz finden möge.

ST.XIV