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Adelung, Johann Christoph. Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde. Erster Theil – T04

Litteratur
der
vorhandenen Vaterunser-Polyglotten.

Diese sind von gedoppelter Art, indem sie entweder
alle vorhandene oder den Herausgebern bekannte V. U.
Formeln absichtlich sammeln, die Verwandtschaften
und Unterschiede der Sprachen, und, wie es nur zu
häufig Sitte war, auch der Schriftzüge dadurch bemerkbar
zu machen; oder auch nur nebenbey mehr oder
weniger Formeln gewisser Art aus besondern Absichten
mit beybringen. Die erstem kommen hier vorzüglich
in Betrachtung, zumahl da die meisten derselben zu
den Seltenheiten, oft sehr grossen Seltenheiten gehören,
welche nur wenig Gelehrten zu Gesicht kommen, daher
ich bey denselben auch umständlicher gewesen bin. Sie
theilen sich wieder in zwey Classen, indem einige die
Schrift mit der Sprache verbinden, und dadurch oft verleitet
werden, von jener auf diese zu schliessen, andere
aber bey der Sprache allein stehen bleiben, und jede Formel
in Lateinischer, als einer allgemein lesbaren Schrift
darstellen. Bey jeder Art pflegt immer der spätere
Herausgeber den Reichthum seines Vorgängers nach dem.
Masse seiner Kräfte zu vermehren, und, wenn er Verstand
genug besitzt, die altern unrichtigen Formeln mit
bessern zu vertauschen; daher die jüngsten gemeiniglich
die besten und vollständigsten sind. Aber beyde haben
nur zu oft den einzigen Gesichtspunct verfehlt, aus
welchem eine solche Zusammenstellung allein einen
wahren und gelehrten Nutzen haben kann, daher sind
die meisten Sammlungen dieser Art blosse Curiositäten-Cabinetter,
welche zwar eine zwecklose Neugierde einige
Augenblicke unterhalten, aber keine gelehrte Wissbegierde
befriedigen können. Bey der zweyten Hanptart,
wo die Sprache und ihre Proben nur Nebensache sind,
wohin denn auch manche kosmographische und geographische
Schriftsteller gehören, bin ich desto kürzer gewesen,
und vielleicht hatte ich sie ganz übergehen sollen.645

1. Johann Schildberger, um 1427.

Der erste, welcher auf die Gedanken kam, das V. U.
als Sprachprobe zu gebrauchen, war wohl dieser Mann.
Er war aus München gebürtig, diente 1394 im Kriege
gegen die Türken in Ungarn, ward aber von ihnen gefangen,
und 3° Jahr als ein Sclave in einem grossen
Theile Asiens herum geführet. Nach seiner Rückkunft
beschrieb er am 1427 seine Reise, welche bald nach
Erfindung der Buchdruckerkunst heraus gegeben, und
nachmahls öfter wieder aufgelegt wurde. Am Ende
derselben liefert er das V. U. sowohl in Armenischer als
Tatarischer Sprache. Das letztere findet man im folgenden
bey der Türkisch-Tatarischen Sprache. Einen Auszug
aus seiner Reise gibt der ältere Forster in seiner Geschichte
der Entdeckungen und Schissfahren in Norden
,
S. 190-195.

2. Wilhelm Postel. 1538.

Dieser berüchtigte Mann erwarb sich, ehe er noch
auf die nachmahligen aberwitzigen Schwärmereyen gerieth,
das Verdienst, den Eifer für die West-Asiatischen
Sprachen angefacht und befördert zu haben. Er reisete
daher selbst in den Orient, erlernte einige derselben
nebst ihren Schriftzügen, und gab nach seiner Rückkunft
heraus: Linguarum XII Characteribus differentium
Alphabetum, introductio ac legendi modus longe facillimus
.
Paris, 1538, gr. 4. Es ist ein lrrthum, wenn
es in Baumgartens Nachrichten von einer Hallischen
Biblioth.
Th. 6, S. 357 heisst, dass er diese Schrift nach
einer zweymahligen Reise in die Morgenländer heraus
gegeben habe. Es geschähe gleich nach seiner ersten;
die zweyte fällt erst in das Jahr 1549. Er liefert darin
die Schriftzüge von 12 Sprachen, der Hebräischen, Chaldäischen
und Syrischen, Samaritanischen, Punischen
und Arabischen, Indischen (Aethiopischen) Griechischen,
Georgischen, Jacobitischen, Dalmatischen oder
Illyrischen, Armenischen und Lateinischen, und gibt
von Jeder einige Nachricht, aber nur kurz und auf
wenig Seiten. Von fünf derselben, der Chaldäischen,
Hebräischen, Arabischen, Griechischen und Armenischen
liefert er auch das V. U. sowohl mit jeder Sprache
eigenen, als auch mit Lateinischer Schrift. Hierzu gehöret
noch als weitere Ausführung: de originibus seu de
646Hebraicae linguae et gentis antiquitate, deque variarum
linguarum antiquitate
, Paris, 1538, gr. 4, und, Grammatica
Arabica
, eben das. 1538, gr. 4. Hat man alle
drey Schriften beysammen, so besitzt man eine grosse
Seltenheit; aber das ist auch ihr ganzes Verdienst, indem
der Verfasser bey seiner lebhaften Einbildungskraft
zwar alles leicht fasste, was mit ihr zu fassen war, aber
nirgends tief eindrang. Man sehe von ihm: Niceron
Mémoires
, Th. 8, S. 295-356, vornehmlich aber des
Billons nouveaux Eclaircissements sur la Vie et les Ouvrages
de Guill. Postel
, Lüttich, 1773, 8.

3. Theseus Ambrosius. 1539.

Canonicus regularis vom Lateran, und Vorsteher
des Klosters S. Petri zu Pavia, wo er um 1540 starb.
Er war des vorigen Zeitgenosse und Freund, und hatte
ihm manchen Stoff zu den vorigen Schriften mitgetheilt,
welchen er aber zugleich selbst mit mehr Verstand und
Gründlichkeit bearbeitete. Das beweiset seine Introductio
in Chaldaicam linguam, Syriacam, atque Armenam
et X alias linguas
, Pavia, 1559, 4. Es ist ein Irrthum,
wenn manche Schriftsteller behaupten, es sey
dieses bloss eine neue Auflage der Schrift Postels. Es
ist vielmehr ein eigenes und ungleich stärkeres Werk.
Von den drey auf dem Titel genannten Sprachen wird
am umständlichsten, von den zehn übrigen aber am
Ende nur beyläufig gehandelt. Von Postels fünf V. U.
hat er deren nur zwey, das Chaldäische und Armenische.

4. Theodorus Bibliander. 1548.

Er hiess eigentlich Buchmann, übersetzte aber seinen
Nahmen nach der Sitte seiner Zeit in das Griechische.
Er war Professor der Theologie zu Zürch, wo er 1564
starb. Am Ende seines Commentarius de ratione communi
omnium linguarum et litterarum
, Zürch, 1548,
gr. 4, liefert er das V. U. in 14 Sprachen, nehmlich
Griechisch, Lateinisch, Italiänisch, Französisch, Spanisch,
Deutsch, Isländisch, Englisch, Pohlnisch, lllyrisch,
Hebräisch, Chaldäisch, Arabisch und Armenisch;
alle mit Lateinischer Schrift.

5. Conrad Gesner. 1555.

Ein für sein Jahrhundert um mehr ab Eine Wissenschaft
verdienter Mann. Nur in der folgenden Schrift
647unternahm er etwas, was über seine und seines Zeitalters
Kräfte war. Ich meine seinen Mithridates, de differentiis
linguarum tum veterum, tum quae, hodie apud
diversas nationes in toto orbe terrarum in usu sunt, observationes
,
Zürch, 1555, 8. Er handelt darin von allen
ihm bekannten alten und neuen Sprachen in alphabetischer
Ordnung, gemeiniglich sehr kurz und unbefriedigend,
und füget bey 22 derselben das V. U. mit Lateinischer
Schrift bey; nehmlich, Aethiopisch, Englisch,
Arabisch, Armenisch, welche Sprache er mit der Türkischen
und Tatarischen für einerley hält, Wallisisch,
Chaldäisch, Deutsch, Flandrisch, Isländisch, Schweiverisch
aus Notker, Geldrisch, Griechisch, Hebräisch,
Spanisch, Ungarisch, Böhmisch, Slavisch, Pohlnisch,
Italienisch, Chur-Wälsch, Sardinisch in den Städten,
und dasselbe in den Dörfern. Darunter befindet sich
S. 37 auch ein Deutsches von ihm selbst in reimlose
Hexameter übersetzt; der erste und älteste Versuch in
dieser Versart, der ihr aber wohl nicht sehr zur Empfehlung
dienen konnte. Am Ende werden diese V. U. auf
einem grossen Bogen wiederhohlt, aber in einer andern
Ordnung, nach dem Alter der Sprachen.

6. Andreas Thevet. 1575.

Ein Franciscaner von Angouleme, welcher von
1549 an das westliche Asien und Brasilien fast 17 Jahr
bereisete. Nach seiner Rückkunft verliess er den Orden,
ward Aumonier bey der Königinn Catharina von Medicis,
Historiograph von Frankreich, und Kosmograph
des Königes, und starb 1590. Er war der erste, der das
V. U. als Sprachprobe in der Erd- und Weltbeschreibung
benutzte, indem er in seiner Cosmographie universelle,
Paris, 1575, fol. 2 Bände, das V. U. in 12 Sprachen
lieferte: Arabisch, Türkisch, Syrisch, Th. 1, S. 559,
vers. Englisch, Schottisch, Th. 2, S. 668 vers. Slavonisch,
S. 778, Pohlnisch, Deutsch, Schwedisch, Lappländisch
und Finnisch, Liefländisch (Lettisch) S. 882,
vers. und endlich das des Sauvages, d. i. der Karaiben,
S. 925, welches er nebst dem Englischen Gruss und dein
Glaubensbekenntnis mit Hülfe eines christlichen Sclaven
selbst übersetzt haben will. Man sehe von ihm
Niceron Mémoires, Th. 25, S. 74.648

7. Angelus Rocca. 1591.

Ein Augustiner und Titular-Bischof von Tagast,
welcher 1620 zu Rom starb. In seiner Bibliotheca Apostolica
Vaticana a Sixto V in splendidiorem locum translata
,
Rom, 1591, 4, welche auch in seinen Operibus,
Rom, 1719, fol. befindlich ist, hat er einen Appendix
de Dialectis, h. e. de linguis diversis ordine alphabetico
sigillatim dispositis
, der wörtlich aus dem Gesner abgeschrieben
ist, ohne ihn zu nennen. Die einzige Veränderung
bestehet darin, dass er S. 365-376 die V. U.
am Ende zusammen nimmt, und selbige mit dreyen
vermehret hat, worunter das Sinesische hier zum
ersten Mahle erscheinet. S. von ihm Niceron Mémoires,
Th. 21, S. 91-106.

8. Hieronymus Megiser. 1592.

Aus Stuttgard, ein Mann von vielfacher, aber immer
nur seichter und flüchtiger Gelehrsamkeit. Er war
eine Zeitlang ausserordentlicher Professor zu Leipzig,
und ging zuletzt nach Linz in Oesterreich, wo er 1616
starb. Von seinen vielen Schriften gehöret hierher:
Specimen XL diversarum linguarum, quibus Oratio dominica
est expressa
, Frankfurt, 1592, 8; eben daselbst
mit 10 V. U. vermehrt, Specimen L diversarum linguarum,
1593, 4, und mit einigen andern Aussätzen vermehrt,
und unter folgendem Deutschen Titel: Prob
einer Verdolmetschung in fünfzig unterschiedlichen Sprachen?
darin das heylyg Vater unser, der Englisch Gruss?
die zwölf Artikel unsers christlichen Glaubens, die zehen
Gebott transferiret und in Truck verfertiget worden
, Frankfurt,
1603, 8. Da ich keine dieser Ausgaben selbst gesehen
habe, so muss ich in deren Bezeichnung andern
folgen. Hervas erwähnt in seinem Saggio prattico S. 54
noch einer spätem Ausgabe, Frankfurt, 1650, welche
ich sonst nicht habe angeführet gefunden. Megiser
schrieb noch: Thesaurus polyglottus, vel Dictionarium
multilingue ex quadringentis circiter — linguis, dialectis
— constans
. Frankfurt, 1603, 8.

9. Bonaventura Vulcanius. 1597.

Professor der Griechischen Sprache zu Leiden, wo
er 1614 starb. Er ist blosser Herausgeber der kleinen
seltenen Schrift: de litteris et lingua Cetarum sive Gothorum,
649item de notis Lombardicis, quibus accesserunt specimina
variarum linguarum
, Leiden, 1597, 8. Der
Hauptverfasser, welchen Vulcanius selbst nicht gewiss
anzugeben wusste, ist wahrscheinlich Maximil. Morillon,
oder dessen Bruder Anton, der in den drey ersten Aussätzen
die damahls noch zu Werden befindliche Handschrift
des Ulphila, dessen Gothische Sprache Vulcanins
mit der Gotischen verwechselt, zuerst bekannt machte.
Die übrigen Aufsätze betreffen gleichfalls die Deutsche
Sprache, worauf am Ende eine Probe der Cantabrischen
oder Baskischen und der Zigeuner-Sprache folgt. Vulcanius
liefert hier zur Ergänzung der Gesnerischen Sammlung,
das Gothische V. U. ans dem Ulphila, S. 33, das
Cantabrische, S. 92, und das Friesische, S. 98.

10. Paulus Merula. 1605.

Ein Rechtsgelehrter im Haag, und hernach Professor
der Geschichte an Justi Lipsii Stelle zu Leiden. In
seiner Cosmographia, Antwerpen, 1605, gr. 4., liefert
er neun Gebethsformeln in eben so vielen Europäischen
Sprachen; Spanisch, S. 299; Portugiesisch, S. 301;
Baskisch, S. 502; Französisch, S. 431; Nieder-Bretagnisch
und Wallisisch, 8.452; Italiänisch, Friaulisch
und Graubündnerisch, S. 800.

11. Caspar Waser. 1610.

Doctor der Theologie, Diaconus und Professor der
Hebräischen Sprache zu Zürch, wo er 1625 starb. Er
gab Gesners Mithridates zu Zürch, 1610, 8, vermehrt
heraus, wo seine Zusätze von Bl. 86-140 gehen. Da
ich diese Ausgabe nicht selbst gesehen habe, so kann ich
auch die Vermehrungen nicht näher angeben.

12. Claude Duret. 1613.

Er heisst auf dem Titel des gleich folgenden Werkes
Bourbonnois, Président à Moulins, ist aber übrigens
ganz unbekannt. Vermuthlich ist er ein Sohn des berühmten
Arztes Ludwig Duret. Bekannter ist sein
Werk: Thresor de l'histoire des Langues de cest Univers,
contenant les origines, beautez, perfections — et ruines
des langues Hebraique… des animaux et oiseaux
. Cöln,
1613, gr. 4; zweyte Ausgabe, Yverdon, 1619, gr. 4.
Nach Vogts Catal. libror. rarior. S. 251 ist das Buch zum
ersten Mahle bereits 1603 heraus gekommen. Allein
650das ist ohne Zweifel ein Irrthum: denn obgleich des
Censors, Claude Feydeau, Erlaubniss zum Drucke bereits
1607 unterschrieben ist, so hat doch die Ausgabe
von 1613 in der Zuschrift und Vorrede alle Merkmahle
eines erst nach dem Tode des Verfassers (er starb 1611)
erschienenen Werkes. Auch stehet auf den zwey Holzschnitten
von Alphabeten S. 740 und 741 die Jahrzahl
1613. Das Buch selbst ist ein Wust unverdauter und
nur zu oft erdichteter Gelehrsamkeit, selbst für sein
Zeitalter. Wer die Sprachen der Engel, Thiere und Vögel
kennen will, findet sie hier. Er hat dabey das V. U.
in 17 Sprachen: Hebräisch, Syrisch, Chaldäisch und
Arabisch, S. 405; Armenisch, zwey Mahl, S. 727;
Slavonisch, S. 744; Sardinisch, in zwey Mundarten,
S. 818; Deutsch, Pohlnisch, Liefländlisch (Lettisch),
Schwedisch und Lappländisch, S. 809; Englisch und
Süd-Schottisch, S. 874; Mexicanisch (vielmehr Brasilisch),
S. 944.

13. Georg Pistorius Mauer. 1621.

Pfarrer zu Duras, vermuthlich in Mähren. Sein
Pater noster oder das Vater unser in 40 unterschiedenen
Sprachen
, Olmütz, 1621, 12, muss sehr unbekannt
geblieben seyn, indem ich es nirgends als in Ludekens,
oder vielmehr Andr. Müllers Sammlung angeführet gefunden
habe, welchem es andere nur nachgeschrieben
haben. Vermuthlich ist es ein blosser Nachdruck von
Megisers ersten Ausgabe.

14. Franc. des Rucs. Um 1625.

Ein mir ganz unbekannter Verfasser, von welchem
man eine Description contenant toutes les Singularitez des
plus celebres Villes et Places remarquables du Royaume
de France
, hat, welche zu Rouen ohne Meldung des
Jahres (wenigstens auf dem Titelblatte) in 8 erschien.
Aus dem Buche selbst erhellet, dass der Verfasser,
welcher sich bloss unter der Zuschrift nennet, unter
Ludwig XIII. (1610-1643) schrieb. Auf dem Titel
stehet noch: reveu, corrigé et augmenté u. s. f., daher
noch eine ältere Ausgabe vorher gegangen zu seyn
scheinet. Am Ende befindet sich, S. 343-345, das
V.U. in nenn Sprachen: Italiänisch, Austriche (Friaulisch),
Tuscene (Chur-Walsch in dem Flecken Tusis,
Lat. Tuscia in Graubünden), Lateinisch, Spanisch,
651Portugiesisch, Französisch, Breton (Nieder-Bretagnisch),
und Bas-Breton (vielmehr Wallisisch), aus
welcher letztern Sprache er auf der letzten Seite auch das
Apostolische Glaubensbekenntniss hat. Da in meinem
Exemplare das letzte Blatt fehlet, so weiss ich nicht,
was noch darauf gestanden haben mag; ein V. U. wohl
nicht, aber vielleicht die Jahrzahl.

15. Jo. Bapt. Gramaye. 1622.

Päpstlicher Protonotarius, Propst zu Arnheim,
Professor der Rhetorik und Rechte zu Löwen, und
Historiograph der Niederlände. Er ward auf einer Reise,
welche er aus Italien zu Wasser nach Spanien thun wollte,
von den Algierern gefangen und nach Afrika geführt,
und starb nach seiner Rückkunft in Lübek, 1635. Dieses
wenige stehet von ihm in Val. Andreae Bibliotheca
Belgica
, und mehr hat auch die kurze Lebensbeschreibung
nicht, welche vor seinen Antiquitatibus Brabantiae,
Löwen und Brüssel, 1708, fol. befindlich ist. Ausser
mehrern zur Niederländischen Geschichte gehörigen
Schriften hat man auch von ihm: Specimen litterarum et
linguarum totius orbis
, Ath, 1622, 4. Diese Schrift
führet Marsden in seinem Catalogo S. 125 aus eigener
Ansicht an, dagegen Andr. Müller und aus ihm einige
andere seiner Centum versiones orationis Dominicae, ohne
nähere Bezeichnung der Ausgabe gedenken, vermuthlich
weil sie dieses Buch bloss aus dem Monde des d'Avity
kannten, in dessen neuern Ausgaben sich sechs seiner
V. U. befinden *)1. Allem Ansehen nach sind beyde nur
ein und eben dasselbe Buch. Ich fand irgendwo, dass
es sich als ein Anhang bey seiner Africa illustrata, Dornick,
6521622, 4, befinde. Allein bey dem hiesigen churfürstlichen
Exemplare wird es nicht angetroffen; es findet
sich auch in lind an dem Buche keine Spur eines Anhanges.
Seine beyden oben angeführten Lebenebeschreiber
gedenken desselben unter seinen Schriften nicht,
aber sie kennen auch sein Africa illustrata nicht. Nach
den sechs in dem Monde des d'Avity aus ihm entlehnten
V.U. zu urtheilen, dem Sinesischen, Th. 5, S. 790,
dem Maroccanischen, Th. 6, S. 76, dem Koptischen,
S. 297, dem Angolanischen, S. 471, dem Melindantschen,
S. 497, und dem Abyssinischen zu Canara bey
Goa, S. 521, hat es dem Verfasser gar sehr an Sprachkenntniss
und Kritik gefehlt, denn die gedachten Formeln
sind sehr verderbt, manche dem Anscheine nach
wohl gar erdichtet, daher sich kein Gebrauch davon
machen lässt.

16. Christoph. Crinesius. 1629.

Ein bekannter Professor der Theologie zu Altorf.
In seinem Babel, s. Discursus de confusione linguarum,
Nürnberg, 1629, 4, brachte er neun V. U. an, das Hebräische
nach Huttern, S. 39, das Syrische aus Widmanstadii
N. T. S. 56, das Arabische nach Kirsten, S. 61,
das Aethiopische aus Gesner, S. 71, das Griechische,
S. 82, zwey Französische, S. 100, 101, das Italiänische,
S. 101, und das Spanische, S. 102.

17. Joh. Micrälius. 1639.

In seinem alten Pommerlande, Stettin, 1639, 4,
befindet sich B. 1, S. 123 das V. U. in Schwedischer, Dänischer,
Norwegischer, Englischer, Friesischer und Finnischer
Sprache. Das Norwegische, welches hier zuerst
erscheint, ist von allen folgenden Herausgebern beybehalten
worden, und auch ich habe kein anderes auffinden
können.

18. Franc. Junius. Um 1660.

Es ist der jüngere, welcher sich durch mehrere
Schriften um die alten Germanischen Sprachen verdient
gemacht hat, und 1677 in England starb. Man hat von
ihm: 'T Vader ons in XX oude Duytse en Nordse Taelen
met d'Uytleggingen
, welches ohne Meldung des Ortes
und Jahres, aber nach Lorks Vermuthung, der es
selbst besass, zu Dordrecht um 1660, und wahrscheinlich
653auch ohne den Nahmen des Verfassers in 8 heraus
kam; denn ich kenne dieses höchst seltene Buch nur aus
den Anführungen des Is. le Long im Boekzaal der Nederduytsche
Bibels
, des Lamb. ten Kate in der Anleiding tot
de Nederduytsche Sprake
, Th. 1, S. 56, und des Lork,
sowohl in seiner Bibelgeschichte, S. 472, als im Catal.
Bibl. Lorkianae
, Th. 2, S. 6. Der letztere scheinet den
Herausgeber nicht gewusst zu haben, wenigstens nennt
er ihn nicht. In Jo. Ge. Graevii Leben des Franc. Junius
vor dessen Werk de Pictura veterum, Rotterdam, 1694,
fol. wird dieser Sammlung nicht gedacht, welches ihre
Seltenheit bestätigt. Ausser den 19 Formeln in alten
und neuen Germanischen Dialecten enthält sie auch eine
Finnische.

19. Johann Reuter. 1662.

Aus Liefland, war erst Prediger zu Ronneburg im
Altenburgischen, scheint aber diese Stelle niedergelegt,
und als ausübender Arzt in Liefland gelebt zu haben.
Seine Oratio dominica XL linguarum, Riga, 1662, 8;
Rostock, 1675, 8, kenne ich gleichfalls nur aus den Anführungen
anderer, besonders Andr. Mullers, des Predigers
von Bergmann und des Catal. Bibliothecae Lorkianae.

20. John Wilkins. 1668.

Ein gelehrter Britte, welcher Cromwells Schwester
geheirathet, und dadurch verschiedene ansehnliche Stellen
erhalten hatte. Nach der Wiederherstellung des königlichen
Hauses verlohr er selbige zwar, ward aber doch
Bischof von Chester. Er ist gewisser Massen Urheber
und Stifter der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften,
verfiel aber auf die Schwachheit, eine allgemeine
Sprache erfinden zu wollen. zu deren Behuf er sein
Essay towards a real Character and a philosophical Language,
zu London, 1668, fol. heraus gab. In diesem
Werke liefert er S. 454 auch fünfzig V. U. mit Lateinischer
Schrift, worunter 19 aus Gesner und Megiser sind,
verschiedene auch von dem Verfasser selbst gesammelt
worden.

21. Andreas Müller. 1680.

Aus Greifenhagen in Hinter-Pommern, ward, da
er bereits Probst zu Treptow war, von dem Edm. Castellus
654nach London berufen, wo er sich 10 Jahr aufhielt,
und mit dem rühmlichsten Fleisse an Brian Waltons Polyglotte,
und Castelli Lexicon arbeiten half. Nach seiner
Rückkunft ward er Probst zu Bernau, und darauf
an der Nicolai-Kirche zu Berlin, welche Stelle er aber
niederlegte, und nach Stettin ging, wo er 1694 im Privat-Leben
starb. Er hatte seine sämmtlichen Bucher
dem Pommerschen Consistorio zu Stargard zugedacht,
welches aber nur 50 derselben erhielt; den Überrest bekam
nach mancherley andern Unterhandlungen das
Gymnasium zu Stettin, nachdem er einen Theil seiner
eigenen Handschriften dem Feuer geopfert hatte. Er
besass viele Kenntnisse in den morgenländischen Sprachen,
und suchte besonders die damahls noch so seltene
Sinesische Litteratur in Aufnahme zu bringen; war aber
dabey ein eigensinniger Sonderling, dessen Gelehrsamkeit
nach seinem Dünkel unbezahlbar war. Aus Eigensinn
liess er seine vielen kleinen Schriften auf eigene Kosten
drucken, daher sie jetzt grössten Theils selten sind,
und ihr Verlag ihn mehr als Ein Mahl in Noth und Mangel
versetzte.

Zu seinem Ruhme gereicht es, dass er unter andern
auch die bisher nur sehr flüchtig zusammen getragenen
Vater-Unser-Sammlungen mit Ordnung und Kritik bearbeitete,
und daher nicht nur richtigere Formeln in den
bereits bekannten Sprachen zu erhalten suchte, sondern
selbige auch mit mehrern neuen vermehrte, sie nach
der Verwandtschaft der Sprachen, oder doch nach der
Lagt der Länder ordnete, und sie kritisch bearbeitete.
Aber da er damit die Schriftzüge jeder Sprache verband,
oder vielmehr die Schrift ihm die Hauptsache, die Sprache
aber nur Nebensache war, so ging diese bey ihm leer
aus, und er that für ihre Geschichte und Aufklärung
nichts von dem, was man bey seiner weitläufigen Gelehrsamkeit
wohl hätte erwarten können.

Als eine Probe, wie er seine V. U. bearbeiten wollte,
liess er 1676 Orationem dominicam Sinice, ohne alle weitere
Meldung seines Nahmens, des Druckortes und des
Jahres auf dritthalb Bogen in 4 drucken; wo er zuvörderst
das Sinesische V.U. mit Sinesischer Schrift, dann in
verschiedenen kleinen Columnen, dessen Lesung sowohl
nach Portugiesicher als Holländischer Aussprache, des
Wilkins zwey Sinesische V. U. mit Lateinischer Schrift,
einige Varianten und zwey Lateinische Übersetzungen,
655eine buchstäbliche und eine syntactische lieferte. Dann
folgen auf vier Blättern verschiedene Sprachbemerkungen,
und zuletzt auf zwey Blättern Bibliothecae Sinicae
Oeconomia
. Eine kurze Nachschrift am Ende zum. Behuf
dieser seiner versprochenen aber nicht gelieferten Sinesichen
Bibliothek hat nebst seinem Namen das Jahr
1676, daher dieses nicht zu bezweifeln ist.

Ob er dieser mühsamen Bearbeitung überdrüssig
ward, oder ob sie ihn zu sehr in das weite zu führen
schien, oder ob er die Kosten scheute, weiss ich nicht.
Genug er liess sie liegen, und gab dafür bloss die inzwischen
von ihm gesammelten und nach der Lage der
Länder geordneten V. U. mit ihrer eigenen grössten Theils
in Kupfer gestochenen Schrift, und deren Lesung mit
Lateinischen Buchstaben heraus. Nach dem Schmutztitel:
Orationis dominicae versiones ferme centum, lautet
der vollständige Titel: Oratio orationum. S. s. Orationis
dominicae versiones practer authenticam fere centum, eäque
longe emendatius quam antehac, et e probatissimis autoribus
potius quam prioribus collectionibus, jamque singulä
genuinis linguä suä characteribus, adeoque magnam partem
ex ære ad editionem a Barnimo Hagio traditae editaeque
a Thoma Ludekenio, Solq. March. Berolini, ex officina
Rungiana
, Anno 1680, 4. Dass er sich hier unter
den angenommenen Nahmen Thomas Ludeken verbarg,
geschahe vielleicht, um seinen wahren Nahmen
für die künftige vollständige Arbeit zu versparen, welche
er aber nicht geliefert hat. Nach einer kurzen Zuschrift
an Thom. von Knesebeck, und Levin Friedrich
von Bismark, zwey Brandenburgischen Ministern, folgt
eine Vorrede auf einem halben Bogen, welche eine
exegetische Erklärung von Ps. 19, 5, und in den letzten
wenigen Zeilen eine kurze Nachricht von dieser seiner
Sammlung enthält. Es heisst darin, dass zwar er (Ludeken)
selbst einige der hier befindlichen Formeln gesammelt,
die in Kupfer gestochenen aber nebst vielen
andern seltenen von einem Gelehrten, der unter dem
Nahmen Barnimus Hagius verborgen bleiben wolle, zu
dem Ende empfangen habe. Dieser Hagius, der bereits
auf dem Titel erschien, ist auch kein anderer als Müller
selbst. Nach einem Verzeichniss von Druckfehlern und
der verbesserten Gothischen und Isländischen Formel
folgt ein Verzeichniss der bisherigen Saminler von V. U.
deren er 14 nennt, und ein doppeltes Verzeichniss der
656Sprachen, in welchen er V. U. liefert, ein geographisches
und ein alphabetisches. Seiner V. U. welche von
S. 6 bis 61 gehen, sind nicht fast hundert, wie es auf
dem Titel heisst, sondern nur 83, und darunter sind
die drey letzten in so genannten philosophischen, d. i.
erdichteten Sprachen, welche also nicht mitgezählet zu
werden verdienen. Den Beschluss macht das Wort Vater
in allen von ihm gelieferten Sprachen. So sehr nun
auch diese Sammlung alle vorigen übertrifft, so hat sie
doch auch ihre Mängel, welche aber zu seiner Zeit kaum,
zu vermeiden waren. Rühmlich ist es, dass der Verfasser
am Rande jeder Formel die Quelle gesetzt, aus
welcher er geschöpft hat. In der Bibliothek des Gymnasii
zu Stettin, welches seine Bücher und Handschriften
noch jetzt besitzt, befindet sich ein mit Papier
durchschossenes Exemplar dieser Sammlung, wo der
Verfasser mancherley Anmerkungen nachgetragen hat,
welche theils litterarisch sind, theils Verbesserungen der
Druckfehler und Berichtigungen der Lesung, aber keine
neue Formeln enthalten. Dagegen besitzet die Churfürstliche
Bibliothek in Dresden ein Exemplar, welches
ehedem dem berühmten C. S. Jordan zugehörte, der es
hin und wieder sehr verbessert, und mit vielen dem
Müller unbekannt gebliebenen Formeln vermehrt hat.
Diese kamen dem grössten Theile nach durch la Croze
an den Chamberlayne, der sie nachmals seiner Sammlung
einverleibte.

Müller hatte indess selbst noch einige V. U. gesammelt,
welche er um 1690 auf anderthalb Bogen in 4 heraus gab,
und zwar unter dem Titel: Versionum orationis dominicae
auctarium curante Barnimo Hagio. Anno cIcIccLX
.
Dass er auch hier den erdichteten Nahmen beybehielt,
kann weniger befremden, aber warum er die frühere
Jahrzahl 1660 statt der wahren angab, weiss ich nicht
zu erklären. Denn dass diese Schrift erst nach 1685, gedruckt
seyn kann, erhellet aus ihr selbst. Bey dein Nieder-Bretagnischen
V. U. wird des G. Quiquer Dictionn.
Bas-Breton, von 1674, bey dem Wallisischen die Wallisische
Bibel von 1677, und bey dem Koptischen ein
Brief des D. Bernhard an Hiob Ludolf vom 10ten November
1685 angeführt. Der Formeln sind hier dreyzehn.
1. Angel-Sächsisch, welches aber in zwey mir bekannt
gewordenen Exemplaren fehlt. 2. Angolanisch. 3. Gemein
Arabisch. 4. Bretagnisch. 5. Alt-Preussisch aus
657dem Katechismus von 1545. 6. Wallisisch. 7. Koptisch
mit Aethiopischer Schrift, wozu aber der Platz
leer gelassen ist, und nur die Lesung da stehet. 8. Koptisch
nach einer andern Lesung von dem D. Bernhard.
9. Curländisch. 10. Neu-Griechisch unter dem Bischof
von Thessalonich. 11. Eine andere Neu-Griechische
Formel. 12. Irländisch, wozu aber der Platz leer gelassen
ist. 13. Lateinisch mit Aethiopischer Schrift, auch
ein leerer Platz, doch ist die Lesung nach Aethiopischer
Aussprache mit Lateinischer Schrift beygefügt. Zuletzt
einige Anmerkungen Hiob Ludolss über das Curlandische
V. U.

Noch im Jahre 1680 hatte Müller auch an die 70
verschiedene Schriftarten auf 16 einzelnen theils ganzen
theils halben Bogen in Kupfer gestochen heraus gegeben.
Sie haben weder Nahmen des Verfassers, noch Ort noch
Jahrzahl, sind aber, wie Bayer versichert, in diesem
Jahre auf des Verfassers Kosten in 4 erschienen, daher
sie sehr unbekannt blieben. Gottfr. Bartsch, ein Zeichner
und Kupferstecher zu Berlin, hatte die Platten sowohl
zu den Schriftarten als V. U. gestochen, war aber
von Müllern nicht bezahlt worden, und gerieth darüber
in Verlegenheit. Um ihn schadlos zu halten, gab Müller
ihm eine Anzahl Exemplarien sowohl von diesen als
einigen andern Schriften, und versahe sie mit einem gemeinschaftlichen
Titel und Vorrede in Bartschens Nahmen,
und so erschienen zu Königsberg, wohin sich
Bartsch indessen gewandt hatte: Alphabeta universi, aliaque
affinis argumenti, quorum indicem versa ostendit pagina,
editore Godofredo Bartschio Chalcographo
. 1694,
in 4. Die hier gesammelten Schriften sind: 1. Die
schon gedachten Alphabete. 2. Die V. U. Sammlung,
doch ohne vollständigen Titel, und nur mit dem oben
angeführten Schmutztitel versehen, auch ohne Zuschrift.
3. Das auctarium versionum orationis dominicae.
4. Selectiorum numismatum inscriptiones nonnullae,
Pera 1, 11. 5. Antiquae Inscriptiones nonnullae.
6. Geographia Mosaica. Bayer versichert ausdrücklich,
dass Müller diese Sammlung mit einer Vorrede
in Bartschens Nahmen versehen habe. Bey dem
hiesigen Churfürstlichen Exemplare ist keine befindlich,
und mehrere habe ich nicht gesehen; denn auch diese
Sammlung ist sehr unbekannt und selten. Die gedachte
Vorrede scheint auch wirklich nur handschriftlich geblieben
658zu seyn, daher Bayer sie in Lilienthals Preuss. Zehenten
Th. 2, S. 136 abdrucken liess. Bartsch ging indessen
1701 von Königsberg nach Danzig, wo er 1702
starb. Da er keine Erben hinterliess, so wurden die
noch vorhandenen Exemplare nebst andern Schriften
Müllers auf das Rathhaus gebracht, und Bayer konnte
noch 1730 nicht erfahren, was aus ihnen geworden sey,
ungeachtet er an Ort und Stelle war.

Müller war indessen 1694 den 28sten Octob. zu Stettin
gestorben, und da sich auch zu Berlin noch mehrere
Exemplare der oben gedachten kleinen Schriften befanden,
so versahe Seb. Gottfr. Stark, damahls noch Conrector
an dem Stadt-Gymnasium zu Berlin, und Mitglied
der Academie der Wissenschaften, sie mit einem
gemeinschaftlichen Titel und einem kurzen, aber sehr
unvollständigen Leben Müllers, und so erschienen: Alphabeta
ac notae diversarum linguarum pene LXX, tum
et versiones Orationis dominicae prope centum, collecta
olim et illustrata ab Andrea Müllero, Greiffenhagio — cum
praefatione de vita ejus et praesertim opusculorum historia
.
Berolini, 4. Der Herausgeber nennet sich am Ende
der Vorrede, wo auch das Jahr der Ausgabe 1705 befindlich
ist. Es sind wieder die vorigen Stücke, daher ich
sie nicht noch Ein Mahl anführen darf. Diese Sammlung
ist weniger selten, als die vorige, indem sie noch
zuweilen vorkommt.

Man sehe von diesem sonderbaren Manne, ausser
Starks kurzen Leben Küsters alt- und neues Berlin, Th. 1,
S. 343-365; Theoph. Siegfr. Bayers Vorr. vor seinem
Museum Sinicum, S. 33-60, wo besonders von seinen
Bemühungen um die Sinesische Litteratur, und von seiner
Verbindung mit Barrschen gehandelt wird; und
Carl Conrad Oelrichs diplomatische Beyträge, Th. 2,
S. 64-74, wo die Geschichte seiner Bibliothek und
ihrer Verschenkungen erzählet wird.

22. Orationis dominicae versiones ferme
Centum. Um 1790.

Müllers Sammlung fand vielen Beyfall, daher sie
nicht allein mehrmals nachgedruckt, sondern auch in
allen folgenden Sammlungen zum Grunde gelegt wurde.
Der erste Nachdruck muss unter dem obigen Titel bald
nach Müllers Ausgabe von 1680 erschienen seyn. Er ist
in 4, und ohne Meldung des Ortes und Jahres, aber
659vermuthlich zu London heraus gekommen. Auch Müllers
Nahme ist dabey verschwiegen. Ich kenne ihn nur
aus Lorks Catal. Biblioth. der ihn vor Augen hatte, und
ihn von den Ausgaben von 1700 und 1713 ausdrücklich
unterscheidet. Aber darin irrete Lork, wenn er diesen
Nachdruck für das Original hielt, welches Thom. .Ludeken
oder vielmehr Andr. Müller nur abgeschrieben hätte.

23. Nicolaus Witsen. 1692.

Bürgermeister zu Amsterdam, welcher der erste
war, der die Europäer mit dem damahls fast noch ganz
unbekannten mittlern und nördlichen Asien vertraut zu
machen suchte. Er war von 1666 bis 1677 mehrmals
selbst in Russland und besonders in Moskau gewesen,
hatte daselbst mit vielen gebornen Tatarn, Griechen,
Persianern, Sinesen und andern Fremdlingen Bekanntschaft
gemacht, und nichts unterlassen, Nachrichten
von diesen Gegenden einzuziehen. Nach seiner Rückkunft
setzte er seine Forschungen durch Briefwechsel
nach allen Gegenden unermüdet fort, und so entstand
nach 25 jährigen Bemühungen erst seine grosse Landkarte
van het Noorder- en Ooster-Deel van Asia en
Europa
, Amsterdam, 1687 und einige Jahre darauf
seine Noord- en Oost-Tartarye, Amsterdam, 1692, fol.
zwey Bände; welche er aber gleich darauf selbst unterdrückte,
weil er von ihrer Unvollkommenheit sehr bald
überzeugt ward. Er bewarb sich indessen unermüdet
um neuere und bessere Nachrichten, arbeitete das Ganze
völlig um, und gab das Werk 1705 gleichfalls in zwey
Bänden in fol. neu heraus. Er fängt darin mit den östlichen
Grenzen, den Njuckischen Tatarn, Jesso und
Korea an, gehet über Da-urien, durch die Mongoley
und Kalmuckey bis an das Kaspische und schwarze Meer
und von da über Astrakan und Kasan zurück nach Sibirien,
mit welchem weitläufigen Lande er sein Werk
schliesst. So schätzbar auch viele der hier gesammelten
Nachrichten sind, so musste doch das Ganze immer noch
einen hohen Grad von Unvollkommenheit behalten, da
noch kein Gelehrter und Sprachkundiger diese Gegenden
bereiset hatte, und die Männer,, welchen er sich anvertranen
musste, nicht allemahl die nöthigen Kenntnisse
besassen. Das bewog ihn denn, auch diese Ausgabe unvollendet
zu lassen, und ihren Verkauf zurück zu halten,
daher sie eben so selten ist, als die erste. Die hiesige
660churfürstliche Bibliothek besitzt ein Exemplar dieser
zweyten Ausgäbe, worin nicht allein mehrere Kupfer
fehlen, welche vielleicht nie gestochen worden, sondern
auch die letzte Seite sich mit dem Custos Blad- (Bladwyzer)
schliesst, zum Beweise, dass noch ein Register
hinzu kommen sollte, welches aber nie gedruckt worden.
Verschiedene Schriftsteller haben behauptet, der
Russische Hof habe beide Auflagen dieses Werkes unterdrückt,
weil ihm vieles darin anstössig gewesen sey. Von
der zweyten Auflage kann das wohl nicht gelten, weil
sie nie völlig fertig geworden; aber auch von der ersten
scheint es mir sehr unwahrscheinlich. Der verdiente
Gerh. Frid. Müller, welcher in seinen Sammlungen Russischer
Geschichte
, Th. 1, S. 196-272 die vollständigste
Nachricht von beyden Ausgaben gegeben hat, sagt
davon nicht allein nichts, sondern versichert vielmehr,
Peter der Grosse habe die ihm zugeschriebene erste Auflage
sehr gnädig aufgenommen, in der Folge den Fleiss
des Verfassers mehrmahls gelobt, und ihn persönlich
hoch geschätzt. Es ist vielmehr wahrscheinlicher, dass
Witsens eigener Patriotismus für die Wahrheit und Richtigkeit
ihn zu der Unterdrückung beyder Ausgaben bewogen.
Sie blieben daher auch so unbekannt, dass
selbst Leibnitz, der doch einen ununterbrochenen Briefwechsel
mit dem Verfasser unterhielt, nichts von ihrem
Daseyn wusste. Eben so selten ist auch die Karte, welcher
das Werk zur Erläuterung dienen sollte, zumahl
da sie nicht wieder aufgelegt worden, ob sie gleich zur
zweyten Ausgabe neu gestochen werden sollte. Indessen
besitzt doch die hiesige churfürstliche Bibliothek ein
Exemplar derselben. Nach Forsters Geschichte der Entdeckungen,
S. 196, hatte der Buchhändler Schaalekamp
zu Amsterdam 1784 von Witsens Erben die noch vorhandenen
Exemplare der zweyten unvollendeten Auflage
an sich gebracht, und wollte selbige öffentlich verkaufen.

Witsen dehnte seine Forschungen auch auf die Sprachen
der in diesen Gegenden hausenden halb wilden Völker
aus, und suchte daher nicht allein Wörtersammlungen,
sondern auch Vater Unser in denselben zu bekommen;
wozu Leibnitz ihn ermuntert zu haben scheint,
wenigstens theilte er sie ihm mit, so wie er sie erhielt.
Daher befinden sich im zweyten Theile von Leibnitzens
Collectaneis etymologicis sechs Sibirische V. U. das Mongolische,
661Tscheremissische, Tungusische und drey Samojedische *)2.
Da die Briefe, worin er sie ihm schickt,
von 1697. 1698 und 1699 sind, so wie er sie erhalten zu
haben versichert, so scheinen sie sich in der ersten Ausgabe
seines Werkes noch nicht zu befinden. Aber in der
zweyten stehen sie, und ausser diesen noch fünf andere.
Da sie die ersten Sprachproben sind, welche von den
Sibirischen Völkern bekannt wurden, so will ich sie
nennen. Es sind ihrer eilt: 1. Das Mongolische, Th. 1,
S. 245. 2. Das Tscheremissische, Th. 2, S. 622. 3. Das
Ostiakische, S 633. 4. Das Tungusische, S. 654.
5. Das Jakutische, S. 677. 6. Das Jukagirische, S. 687.
7. Das Wogulische, S. 732. 8. Das Permische, S. 811.
9-11 drey Samojedische. Hierzu kommen noch
neun Sammlungen von Wörtern, aus den Sprachen der
Koreaner, Th. 1, S. 52; der Da-urier, S. 68-73;
der Kalmücken, S. 297-304; der Georgier, Th. 2,
S. 500-515; der Melitiner, S. 526-528; der
Krimmischen Tatarn, S. 578-583; der Morduinen,
S. 624-627; der Jakuten, S. 677; und die Zahlwörter
der Lamuten, S. 678. Wegen der Seltenheit des Werkes
kamen diese Sprachproben, und besonders die V. U.
erst spat im Umlauf. Dav. Wilkins, der das Tungusische
von Witsen selbst erhalten hatte, wusste von den
übrigen nichts. Sie erschienen zuerst in der Leipziger
Sammlung von 1748, wo der Missionarius Benj. Schulz
sie dem Herausgeber mitgetheilt hatte.

24. B. Mottus. 1700.

Ein Buchdrucker zu London, welcher vermuthlich
zur Empfehlung seiner Typen heraus gab: Oratio dominica
πολυγλωττος, πολυμοςφος, nimirum plus C linguis,
versionibus aut characteribus reddita et expressa.
Editio novissima speciminibus variis quam priores comitatior.
Londini, apud Dan. Brown et W. Teblewhite
,
1700, 4. Die kurze Vorrede ist JB. M. Typogr. Lond,
unterschrieben. Dass das M. Mottus bedeutet, erhellet
aus Dav. Wilkins Vorrede zum Chamberlayne und dem
662Thes. epistol. la Croziano, Th. 1, S. 78. Es ist ein Nachdruck
und Nachstich von Andr. Müllers Sammlung,
oder vielmehr von dem Londoner Nachdruck derselben
von 1690, welche bloss als eine ältere, äusserst selten
gewordene Ausgabe bezeichnet wird, daher auch Müllers
Nähme hier nicht vorkommt. Nach der folgenden
Augspurger Ausgabe zu urtheilen, sind hier einige
schlechtere Formeln mit bessern vertauscht, auch eilf
neue hinzu gefüget worden. Bey dem allen sind der
Formeln hier doch nur 99, worunter mehrere aus einer
und eben derselben Sprache sind. Aber nicht zu billigen
ist es, dass Müllers gute geographische Ordnung hier
verlassen, und die Sprachen und Mundarten unter einander
geworfen worden.

25. Die vorige Sammlurg, Augsburg, um 1710.

Da man von der vorigen Ausgabe nur wenig Exemplare
abgezogen hatte, so ward sie bald selten. Das bewog
den Kupferstecher Jo. Ulrich Krause zu Augsburg,
sie nachzustechen und von dem Buchdrucker Jo. Christo.
Wagner nachdrucken zu lassen, und zwar unter folgendem
Titel: Oratio dominica πολυγλωττος και πολυφορμος
nimimum plus centum linguis, versionibus aut
characteribus reddita et expressa, editio novissima, speciminibus
variis quam priores auctior
. Das ist: das Gebet
des Herrn oder Vater Unser in viel Sprachen und Schreibarten,
nemlich, in mehr als hundert Sprachen, Uebersetzung
und Schriften verfasset und vorgestellet, die letzte
Edition, um unterschiedliche Exempel vermehrter als die
vorige. Verlegt von Joh. Ulr. Krausen
, u. s. f. ohne
Jahr in fol. In der kurzen Lateinischen und Deutschen
Vorrede heisst es, dass die grosse Seltenheit der Londoner
Ausgabe von 1700, welche kaum um einen hohen Preis
mehr aufzutreiben sey, den Verleger bewogen habe,
selbige wieder aufzulegen. Die Abweichungen von
Andr. Müllers Ausgabe sind bereits bey der vorigen bemerket
worden.

26. Die vorige Sammlung, London, 1713.

Eben diese Seltenheit bewog den Buchhändler Dan.
Brown, welcher bereits bey der Ausgabe von 1700 Mitverleger
gewesen war, selbige 1713 unter eben demselben
Titel und in eben demselben Formate wieder aufzulegen.
663Ich kenne diese Ausgabe nur aus dem Catal.
Bibl, Lorkianae
. S. 7, aus Jo. Pet. Kohl Litterat. Slavor.
S. 98, und aus Fry Pantographia.

27. Joh. Chamberlayne und David Wilkins. 1715.

Beyde machten nach Andr. Müller wieder den ersten
Versuch, das V. U. als Sprachprobe kritisch zu bearbeiten.
Chamberlayne, Kammerdiener bey dem Prinzen
George von Dänemark, und Mitglied der königlichen
Gesellschaft der Wissenschaften in London, ist aus mehrern
historischen, philosophischen und theologischen
Schriften bekannt. Er starb 1724. Die letzte Londoner
Ausgabe brachte ihn auf die Gedanken, die bisherigen
V. u. Sammlungen zu vermehren und zu verbessern.
Aber da er sich selbst nicht genug Sprachgelehrsamkeit
zutrauete, so trug er dem berühmten Hadr. Reland auf,
seine Sammlung zu berichtigen und heraus zu geben.
Da dieser vermuthlich zu sehr beschäftigt war, so verband
sich Chamberlayne mit David Wilkins, einem
Deutschen, wo ich nicht irre, aus Danzig, nahm ihn
in seinen Sold, und schickte ihn nach Amsterdam, für
die Richtigkeit des Abdruckes Sorge zu tragen. So wenig
auch Wilkins, wie er selbst gestehet, auf diese Arbeit
vorbereitet war, so nahm er sich doch derselben mit
allem Eifer an, liess sich mit la Croze und andern damahligen
Sprachgelehrten in einen Briefwechsel ein, und
vermehrte durch deren Hülfe des Chamberlayne Sammlung
mit mehr als 20 Formeln. Dieser hatte sieb mit
der Hoffnung einer öffentlichen Unterstützung geschmeichelt:
da diese aber ausblieb, so ward er karg und verdrossen,
und schwächte dadurch auch des Wilkins Eifer
und Fleiss. S. Thes. epistolic. la Crozian. Th. 1, S. 369
folg. 373 folg. Dessen ungeachtet erschien das Werk
unter dem Titel: Oratio dominica in diversas omnium fere
gentium linguas versa et propriis cujusque linguae characteribus
expressa, una cum dissertationibus nonnullis de
linguarum origine, variisque ipsarum permutationibus.
Editore Joa. Chamberlaynio Anglo-Britanno, Regiae
Societatis Londinensis et Berolinensis Socio. Amstelodami,
typis Guil. et David. Goerei
, 1715, 4. Wilkins
setzte dem Buche eine Vorrede von fünf Bogen vor,
worin er theils die Quellen, woraus er und Chamberlayne
ihre Formeln geschöpft hatten, anzeigte und
musterte, theils von ihren Sprachen handelte. Bey Gelegenheit
664des Gothischen V. U. aus dem Ulphilas wird
la Croze weitläufig und mit Recht bestritten, der dessen
Sprache für Fränkisch ausgeben wollte, und damit
auch eine Zeit lang den Ritter Michaelis verführte. Die
V. U. 152 an der Zahl, gehen von S. 1-94, sind nach
den Welttheilen und Ländern geordnet, und werden
gemeiniglich in ihrer eigenen in Kupfer gestochenen
Schrift, mit deren Lesung in Lateinischer Schrift geliefert,
worauf in einem Anhange nach Andr. Müllers
Beyspiel die vier vornehmsten Wörter des V. U. Vater,
Himmel, Erde, Brot, in allen hier vorkommenden
Sprachen wiederhohlt werden. Die zweyte grössere
Hälfte des Buches füllen neun Abhandlungen so vieler
gelehrter Männer aus, von welchen ich sogleich noch
etwas sagen werde. Es ist nicht zu läugnen, dass diese
Sammlung alle vorigen sowohl an Reichthum, als auch
an Genauigkeit und Richtigkeit übertrifft. Allein da
Chamberlayne kein Sprachgelehrter war, auch Wilkins
damahls noch die Reife nicht hatte, zu welcher er in
der Folge gelangte, so konnte es auch hier an Mängeln
und Missgriffen nicht fehlen. So wird S. 47 das Wallachische
V. U. für Wallisisch, S. 82 das Esthnische für
Finnisch, S. 91 das Brasilianische für Mexicanisch ausgegeben.
Auch erscheinet hier noch das Nova Zemblaische,
das Werulische aus dem Lazius, und die drey philosophischen
d. i. erdichteten des Andr. Müller. Die
beygefügten Abhandlungen haben folgenden allgemeinen
Titel: Dissertationes ex occasione Sylloges orationum dominicarum
scriptae ad Jo. Chamberlaynium
, Amstelod.
1715, und gehen von S. 1 bis 256. Es sind folgende:
1. Wilh. Nicholson, Bischof zu Carlisle, de universis
totius orbis linguis
. 2. Leibnitz de variis linguis. 3. Wilh.
Surenhus de Oratione dominica Hebraica
. 4. Doct. Wotton
de confusione, linguarum Babylonica
. 5. Dav. Wilkins
de lingua Coptica
. 6. Hadr. Reland de λειψανοις
veteris linguae Aegyptiacae
. 7. Maturin Vez. la Croze de
variis linguis
. 8. Jo. Joach. Schröder de rebus Armenicis.
9. Jezreel Jones de lingua Shilhensi. No. 1, 2, 4 und 7
wiederhohlen das damahls gewöhnliche; die übrigen
haben ihren Werth. Wilkins, welcher sich bald darauf
durch seine Koptische Gelehrsamkeit berühmt machte,
ward 1715 Bibliothekar zu Lambeth, 1719 Hofprediger
des Erzbischoss Wake, 1724 Archi-Diaconus von Suffolk,
und starb 1745 in einem Alter von 62 Jahren. Ein
665Brief Th. Siegfr. Bayers, worin er des Chamberlayne
Sammlung mustert, stehet in Lilienthals Preuss. Zehenten,
Th. 2, S. 132.

28. 29. 30. Patrick Gordon, Joh. Bern. Heinzelmann,
Wilh. Guthrie.

Ich will hier noch ein Paar geographische Schriftsteller
zusammen nehmen, welche nach dem Vorgange
mancher ihrer Vorganger die Sprachen der von ihnen beschriebenen
Länder durch V. U. Formeln darzustellen
suchen, indem sie dabay gemeiniglich nur das Bekannte
wiederhohlen. Das that in Ansehung einiger Europäischer
Sprachen Patrik Gordon in seiner Geography anatomized,
or the geographical Grammar
, deren fünfte
Ausgabe, London, 1708, 8, die zehnte aber daselbst,
1725, 8, erschien Joh. Bernh. Heinzelmann, welcher
in dem kurzen System der neuern Geographie, das vorige
Werk nach dessen sechsten Aufgabe übersetzte und vermehrte,
Hannover, 1718, 8, vermehrte die Formeln
aus dem Chamberlayne, und brachte überhaupt 50 V. U.
an. Auch Will. Guthrie suchte in seinem new System
of modern Geography
, London 1795, 4 die Sprachen
durch V. U. zu erläutern.

31. Lambertten Kate. 1723.

In seiner Anleding tot de Kennisse van der Nederduitsche
Sprake
, Amsterdam, 1723, zwey Theile in 4
liefert er Th. 1, S. 63-67 die ersten zwey Zeilen des
V. U. in 51 Kimbrischen, Germanischen, Celtischen und
Slavischen Sprachen mit Sprachanmerkungen, grössten
Theils aus der Londoner Sammlung von 1700.

32. Heinrich Bartsch. 1728.

Erst Secretär der Altstadt Königsberg, und seit 1724
Registrator des Stadt-Archives. Er war daselbst 1667
geboren, und starb 1728. Wie fern er mit dem bey
Andr. Müllern gedachten Gottfried Bartsch verwandt
war, ist mir unbekannt; sein Vater, auch Heinrich,
war Vice- Bürgermeister zu Königsberg. Der unsrige
ging bereits seit 1717 damit um, eine reichhaltigere
Sammlung, als des Chamberlayne war, heraus zu geben,
daher er es an keinem Fleisse fehlen liess, noch unbenutzte
Formeln in allerley Sprachen und Mundarten zusammen
zu bringen. Er erlebte aber ihre Vollendung
666nicht, sondern hinterliess seine Sammlung handschriftlich
der Raths-Bibliothek seiner Vaterstadt, wo sie sich
noch befindet. Da ich durch die Gütigkeit des Herrn
D. Wald ein Verzeichniss aller darin befindlichen Stücke
erhalten habe, so kann ich umständliche Nachricht davon
geben. Das Ganze bestehet aus zwey Bänden in 4,
fast alles lose Blätter mit eingefügten Original-Briefen
von Bayer, la Croze und andern. Die Sprachen sind
darin nach dem Alphabete geordnet. Der erste Theil
enthält 228 Formeln in 69 Sprachen und Mundarten,
und der zweyte 133 Formeln in 61 Sprachen und Mundarten,
also zusammen 361 Formeln. Nach diesen Zahlen
zu urtheilen, wurde diese Sammlung unter allen
bisherigen die reichste und vollständigste geworden seyn.
Allein da der Verfasser nicht bloss Übersetzungen, sondern
auch poetische Umschreibungen, und von den
erstern nicht allein alle verschiedene Übersetzungen in
einer und eben derselben Sprache, sondern sogar alle
verschiedene Abschriften einer und eben derselben Übersetzung,
so fehlerhaft sie auch seyn mochten, gesammelt
hat, so gehet von dem wahren zweckmässigen
Reichthum wieder viel ab, und es bleibt wenig mehr
übrig, als was schon im Chamberlayne befindlich ist.
Da der Verfasser, wie aus seinem Leben erhellet, einen
starken Hang zur Schwärmerey hatte, der ihn auch zu
manchen Thorheiten verleitete, so kann dieser Mangel
an Kritik nicht befremden. Doch vielleicht würde er,
wenn es zur wirklichen Ausgabe gekommen wäre, vieles
wieder weggeschnitten haben. Indessen ist der Fleiss
nicht zu verkennen, mit welchem er alle gedruckte Formeln
aus einer Menge theils seltener Schriften zusammen
getragen hat. Von ungedruckten habe ich nur Eine
gefunden, nehmlich die der Gaspesianer oder Mikmak
in Canada, weiche ihm la Croze mitgetheilet hatte, und
welche ich an ihrem Orte benutzen werde. S. Sein
Leben in den Actis Boruss. Th. 2, S. 923.

33. Heinrich Walther Gerdes. 1730.

Lutherischer Prediger an der Schwedischen Kirche
zu London. Er sing gleichfalls damit um, eine vermehrte
V. U. Polyglotte heraus zu geben, und hatte
nach einem Briefe an la Croze im Thesaur. epistol. la
Crozianus
Th. 2, S. 233, im Jahre 1730 bereits hundert
Formeln mehr als Chamberlayne. Nach den Dänischen
667Missions-Berichten
, Th. 5, S. 1351 hatte er verschienene
Beyträge dazu von dem Missionarius Benj. Schulze aus
Ost-Indien erhalten. Nach welchem Plane seine Arbeit
eingerichtet war, und was aus seinen handschriftlichen
Sammlungen geworden ist, ist mir unbekannt.

34. Johann Heinrich Hager. 1740.

Seit 1741 Rector in Chemnitz, in welcher Stelle er
1777 starb. Da er sich noch als Magister zu Leipzig aufhielt,
schrieb er im Verlage des Buchhändlers Christ.
Fridr. Gesner die so nöthig als nützliche Buchdruckerkunst
und Schriftgiesserey
, Leipzig, 1740, 1741 und 1745,
vier Theile in 8. mit Jo Erh. Kappens Vorrede. Der
Verfasser nannte sich nicht, sondern bezeichnete sich am
Ende der Vorrede nur mit den Buchstaben J. G. H. B. A. M.
dentete aber in seinem nachmaligen geograph. Büchersaal
Th 2, S. 689 diese Buchstaben selbst auf sich. Im
ersten Theile stehen S. 33-80 verschiedene fremde Alphabete,
wovon einige mit grammatischen Anmerkungen
begleitet sind, und wozu Th. 2, S. 158-165 Zusätze
geliefert werden. Im Anhange des zweyten Theils
folgen dann mit einem besondern Titel. Orationis dominicae
versiones fere C, summa qua fieri potuit cura genuinis
cujuslibet linguae characteribus typis vel aere expressae
.
Der Verfasser war mit seinem Gegenstände und dessen
Litteratur so unbekannt, dass ihm auch Chamberlayne's
Sammlung unbekannt war, daher er Andr. Müllers
Sammlung von 1680 wörtlich abdrucken liess, ohne ihn
einmahl zu nennen. Da ihm hierauf die Augsburger
Ausgabe von 1710 bekannt wurde, so fügte er die daselbst
hinzu gekommenen eilf Formeln Th. 3, S. 430
als einen Nachtrag bey, that aber auch noch sechs aus
seiner eigenen Sammlung hinzu, nehmlich drey Dalekarlische,
das Alt-Schwedische und ein Angel-Sächsisches
aus Browallii diss. de Dalekarlia, und das
Grusinische.

35. Orientalischer und Occidentalischer
Sprachmeister. 1748.

Die vorige Schrift mochte aller ihrer Unvollkommenheit
ungeachtet, doch ihre Liebhaber gefunden haben,
daher entschloss sich der Verleger, Christi. Frid.
Gesner
, das, was darin die Schriftarten betraf, nebst
der V. U. Sammlung vermehrt und verbessert heraus
668zu geben. Er übertrug die Arbeit einem gewissen Jo.
Fridr. Fritz
, von welchem ich doch weiter nichts zusagen
weiss, als dass sein Nähme unter der Vorrede stehet.
Ist er, wie es scheint, wirklich der Herausgeber, so
muss er in der Litteratur ein gar armer Sünder gewesen,
seyn, indem ihm in der Vorrede, welche ohnehin ohne
alle Bedeutung, ist, unter andern Schnitzern auch Thom.
Ludeken und Andr. Müller zwey verschiedene Personen
sind, und er in dem von ihm vermehrten Verzeichnisse
der bisherigen V. U. Sammler aus den Angel Sachsischen
Formeln e Codice Hottoniano und e Codice Rusch-Wortiano
in Chamberlayne, einen Hottonianus in Codicem
und Ruschwortianus in Codicem macht. Zum Glück
wandte entweder er, oder der Verleger sich kurz vor der
Aufgabe an den ehemaligen Dänischen Missionar, Benj.
Schulze
, welcher damahls in Halle lebte; denn aus dessen
dem Buche voran gesetzten Zuschrift siehet man
nicht, wer der Wohledle und Hochachtbare Herr war, an
welchen sie gerichtet ist. Dieser, welcher zwar nichts von
Sprachphilosophie und Sprachkritik, aber eine ausgebreitete
Sprachkunde besass, vermehrte und verbesserte die
Lehre von den Schriftarten, brachte die V. U. in eine
geographische Ordnung, vertauschte manche Formeln
mit bessern, und bereicherte den ältern Vorrath theils
mit den in Witsen befindlichen, welche bei der Seltenheit
des Werkes bisher ungenutzt geblieben waren, theils
aus seinem eigenen Schatze mit 15 Ost- und Hinter-Indischen,
woran es bisher noch gämlich gefehlet hatte.
Und so erschien der Orientalische und Occidentalische
Sprachmeister, welcher nicht allein 100 Alphabete nebst
ihrer Aussprache — auch einigen Tabulis polyglottis verschiedener
Sprachen und Zahlen vor Augen legt, sondern
auch das Gebeth des Herrn in 200 Sprachen und Mundarten
mit derselben Characteren und Lesung nach einer
geographischen Ordnung mittheilet. Leipzig bey Christi.
Fridr. Gesner
, 1748, 8. Das Ganze bestehet aus zwey
Abtheilungen. 1. Aus den auf dem Titel angegebenen
hundert Alphabeten zum Theil in Holz geschnitten, mit
deren Lesung, wo aber Schulzens Verbesserung ungeachtet;
viel unnützes und abgeschmacktes mit vorkommt,
z. B. was S. 23-31 über das Deutsche Alphabet
gesagt wird. Den Beschluss macht eine Abhandlung
von den Ziffern und Zahlwörtern aller Völker in
der Welt. 2. Aus einer Sammlung von V. U. mit einem
669eigenen Schmutztitel: Orationis dominicae versiones plurium
linguarum Europaearum, Asiaticarum, Africanarum
et Americanarum
. Hier findet man von S. 1 bis
128. 215 Formeln mit ihrer eigenen Schrift und deren
Lesung, wo diejenigen, von welchen keine Typen vorhanden
waren, auf kleinen Papierstreifen in Holz geschnitten
beygefüget sind; daher man selten Exemplare
findet, wo nicht eines oder das andere fehlen sollte.
Auch hier ist noch viel unnützes und fehlerhaftes beybehalten
worden, dessen Aufzählung hier unnöthig seyn
würde. Da sich der Verleger indessen von Leipzig nach
Naumburg gewandt hatte, so versähe er die noch vorhandenen
Exemplare von dem ersten Theile dieses Werkes
mit einem neuen Titel, welcher nunmehr so lautete:
Orientalisch- und Occidentalisches Abc-Buch, welches
100 Alphabete nebst ihrer Aussprache — vor Augen
legt, von Benj. Schulzen
. Naumburg und Zeitz, 1769, 8.
Das Buch selbst ist das vorige, auch Fritzens Vorrede
ist geblieben, nur dass sie mit der neuen Jahrzahl 1769
versehen, und mit einer neuen Anmerkung über Schulzens
Verdienst um dieses Werk und besonders die V. U.
Sammlung begleitet worden. Dabey heisst es, dass
diese Sammlung bei dem Verleger auch besonders zu
haben sey.

36. Lorenzo Hervas. 1787.

Alle bisherige Sammlungen waren entweder bloss
zum Behuf der fremden Schriftzüge veranstaltet worden,
selbige dadurch anschaulich zu machen, oder wenn
sich die Herausgeber auch darauf nicht einliefen, sondern
ihre Formeln nach der Lesung mit Lateinischer
Schrift darstelleten, so hatten sie doch bloss V. U. gesammelt,
um V. U. zu sammeln. Den einzigen wahren
Nutzen, weichen eine solche Sammlung haben konnte,
und deren zweckmässige Behandlung, wenn derselbe
erreicht werden sollte, hatte bisher noch niemand geahndet.
Das war nun einem Spanischen Ex-Jesuiten,
dem noch lebenden Don Lorenzo Hervas y Panduro aus
Galicien vorbehalten, einem Manne von einer vielfachen
und ausgebreiteten Gelehrsamkeit, der dabey nichts geringers
unternahm, als den ganzen Ocean des menschlichen
Wissens auszuschöpfen. Davon zenget seine Idea
del Universo, che contiene la Storia della vita dell' uomo,
Elementi cosmografici, Viaggio estatico al mondo planetario,
670e Storia della terras
; welche schon zu Cesena, von
1778 bis 1787 in 21 mässigen Quartbänden heraus kam.
Da wohl wenige in Versuchung gerathen werden, sich
dieses Werk anzuschaffen, zumahl da es selten mehr zu
haben ist, indem der Verfasser es auf seine Kosten drukken
liess, und die meisten Exemplare nach Spanien
schickte, wo er sich jetzt selbst aufhalten soll: so will
ich den Inhalt der einzelnen Theile hersetzen. I. Concezione,
nascimento, infanzia, e puerizia
, 1778. II. Pubertà
e gioventu dell' Uomo
, 1778, Unterricht desselben
nach den Wissenschaften. III-VI. Virilità dell' Uomo,
1779, 1780, vier Bände, wo von der Religion, der bürgerlichen
Gesellschaft, den Lebensarten, Gewerben, der
Handlung, der menschlichen Figur, den Sitten gehandelt
wird. VII. Vecchiaja e morte dell' Uomo, 1780.
VIII. Notomia (Anatomia) dell' Uomo, 1780. IX. X. Viaggio
estatico al mondo planetario
, 1781; eine vollständige
Astronomie in einem, angenehmen fasslichen Style,
mit Bemerkung der neuesten Entdeckungen. Der Verfasser
übersetzte sie selbst in das Spanische und arbeitete
sie dabey völlig um, Madrid, 1792-1794, vier Bände
in 4. S. die Geograph. Ephemeriden, Th. 4, S. 50. Es
sollen auch die übrigen Theile dieses Werkes in das Spanische
übersetzt seyn. XI-XVI. Storia della terra,
1781-1783, 6 Bände, von der Schöpfung, dem Stande
der Unschuld, der Figur und Grösse der Erde, u. s. f.
XVII. Catalogo delle lingue, conosciute e notizia della loro
affinità e diversita
, 1784; ganz unkritisch und unphilosophisch,
obgleich viel Gutes zusammen getragen ist,
besonders aus den mündlichen Nachrichten ehemaliger
Missionarien. XVIII. Origine, formazione, mecanismo
ed armonia degl' Idiomi
, 1785; eben so. XIX. Aritmetica
delle nazione e divisione del tempo fra l'Orientali
, 1786.
XX. Vocabulario poliglotto con prolegomeni sopra più di
CL Lingue
, vorzüglich brauchbar, so viel des Verfassers
Sammlungen betrifft, indem daselbst unter andern
154 Sprachen mit einander verglichen und 63 Wörter
meist des ersten Bedürfnisses aus denselben aufgeführt
werden. XXI. Saggio prattico delle Lingue con prolegomeni
e una raccolta di Orazioni Dominicali in più di trecento
Lingue e Dialetti
, 1787. Davon sogleich ein mehreres.
Hierzu kam noch Analisi della Carita, Fuligno,
1792, 4. Dass der Verfasser in diesem grossen Werke
bey aller seiner Gelehrsamkeit, und bey seinen, unläugbaren
671Bestreben, überall die nenesten Entdeckungen zu
benutzen, doch bei den bekannten Vorurtheilen seiner
Kirche und bey seinem Mangel an gründlicher Kritik
und Philosophie, überall viele Blössen werde gegeben
haben, ist leicht zu vermuthen. Ich bleibe bloss bey
den fünf letzten Bänden stehen, welche die Sprachen
betreffen, und wo jeder unter seinem besondern Titel
auch einzeln ausgegeben wurde, ob sie gleich gewisser
Massen ein Ganzes ausmachen. Ich kann der Mühe
überhoben seyn, ihren Inhalt ausführlich anzugeben, da
dieses schon von meinem Neffen, Fridrich Adelung in
den Geograph. Ephemeriden Th. 8, S. 544-554 geschehen
ist, und schränke mich auf den letzten Band
ein, der seine V. U. Sammlung enthält. Diese ist nicht
allein die reichhaltigste, sondern ihrer Behandlungsart
nach, auch die zweckmässigste. Denn 1. ordnet der
Verfasser die Sprachen nach den Ländern und den Graden
ihrer Verwandtschaft, und fängt dabey mit den Amerikanischen
an. 2. Da er selbst lange Zeit Missionar in
Amerika gewesen war, und mit seinen verbannten Ordensbrüdern
in der genauesten Verbindung stand, so
konnte er uns Sprachen lehren, welche man bis dahin
kaum dem Nahmen nach kannte; besonders in Amerika,
wo wir durch ihn 55 bey nahe ganz neue Sprachen kennen
lernen. Aber auch die übrigen Welttheile gehen
nicht leer aus. Die Zahl der sämmtlichen V. U. ist 307,
wozu am Ende von S. 228 an noch Lieder, Gebethe und
andere kleine Aussätze aus 22 andern Sprachen kommen,
aus welchen der Verfasser keine V. U. erhalten
können. 3. Er beschäftigt sich bloss mit der Sprache,
siehet von der Schrift ganz ab, und vermeidet dadurch
manche Abwege, worauf seine Vorgänger gerathen mussten,
wenn sie von der Schrift auf die Sprache schlössen,
oder sich auch nur durch zwey so fremdartige Gegenstände,
als Schrift und Sprache sind, zerstreuen lielsen.
4. Er liefert daher seine sämmtlichen Gebethsformeln in
Lateinischer Schrift, Und zwar die Amerikanischen nach
der Spanischen Ausspräche. 5. Er begleitet sie, so viel
ihm bey seiner ausgebreiteten Bekanntschaft mit den in
Italien befindlichen Ex-Missionarien, und bey dem fleissigen
Gebrauch der grossen Sprachschätze in der Propaganda
nur möglich war, nicht allein mit einer buchstäblichen
Übersetzung, sondern auch mit grammatischen
Anmerkungen; das einzige Mittel, den Bau der Sprachen
672aufzuschliessen, und eine V. U. Sammlung über
den niedrigen Rang eines blossen Raritäten-Cabinettes zu
erheben. 6. Vor den V. U. gehet S. 1-86 eine Darstellung
aller der Sprachen, worin sie geliefert werden,
und der Völker, welche sie sprechen, vorher, womit
man aber die übrigen Theile verbinden muss, wo noch
viel Gutes, was hierher gehöret, vorkommt. Man siehet
nunmehr schon ohne mein Erinnern, wie sehr diese
Sammlung alle ihre Vorgänger übertrifft, indem der Verfasser
nicht allein den einzigen wahren Gesichtspunkt,
aus welchem eine solche Sammlung nützlich werden
kann, sehr gut gefasset hat; sondern auch den besten
Willen besitzt, ihn jederzeit im Gesichte zu behalten.
In einzelnen Theilen, z. B. in der Darstellung mancher
einzelnen Sprachen, ist ihm auch die Ausführung sehr
gut gelungen. Aber im Ganzen hat doch der gänzliche
Mangel aller allgemeinen Sprach-Philosophie wieder sehr
viel verdorben. So ist die Stellung der Sprachen nach
ihrer Verwandtschaft nur zu oft fehlerhaft. Bey den
Süd-Asiatischen Sprachen macht der Verfasser nicht den
geringsten Unterschied unter den einsylbigen und mehrsylbigen,
sondern wirft sie ohne Ordnung unter einander,
und verstopft sich dadurch die Quelle zu den lehrreichsten
und fruchtbarsten Betrachtungen; anderer Mängel
dieser Art zu geschweigen. Unbequem ist es auch,
dass derselbe bey vielen verwandten Sprachen und Dialecten
aus Sparsamkeit des Raumes die einzelnen Bitten
einer jeden Sprache unter einander setzt. So stehen
bei den Germanischen Sprachen deren 50 stückweise
unter einander.

37. Gustav von Bergmann. 1789.

Prediger zu Ruien in Liefland, von welchem man
hat: Das Gebeth des Herrn oder Vaterunsersammlung in
152 Sprachen
. Herausgegeben von u. s. f. Gedruckt zu
Ruien
1789, 58 Seiten in 8. Der Herausgeber gestehet
in der Vorrede selbst, dass er diese Sammlung bloss
Sprach-Dilettanten zum Vergnügen veranstaltet habe,
indem die altern Sammlungen dieser Art schwer zu haben
sind. Dieses eingeschränkten Zweckes ungeachtet,
hat diese kleine Schrift doch ihren Werth. Es ist dabey
zwar die Leipziger Sammlung von 1748 zum Grunde gelegt
worden, aber nicht ohne vernünftige Kritik, daher
viele zweckwidrige Formeln derselben weggeblieben sind,
673und viele unrichtige mit bessern vertauscht worden, wobey
dem Herausgeber seine ansehnliche Bibelsammlung
gute Dienste leistete. Auch ist das Livische V. U. welches
bisher fehlte, neu hinzu gekommen. Übrigens
sind die Formeln nach den Ländern geordnet, mit Lateinischer
oder Deutscher Schrift, ohne Übersetzung,
abgesetzt, und die Lesung, wenn sie von der Schrift abweicht,
beygefüget worden. Des Hervas Arbeit kannte
der Verfasser noch nicht, sonst würde seine Sammlung
reichhaltiger ausgefallen seyn. Wenn in dem vorgesetzten
Verzeichnisse der altern V. U. Polyglotten auch
Oratio Dominica C linguis studio Sebast. Godofr. Starckii,
Berol. 1703, 4 aufgeführet wird, so ist solches ein kleiner
Irrthum, indem dieses, wie aus dem vorigen erhellet,
keine andere als des Andr. Müller Sammlung ist,
welche Stark nur unter einem neuen Titel heraus gab.
Übrigens hat diese Sammlung auch das Merkwürdige,
dass der Herausgeber sie selbst gesetzt und gedruckt hat,
daher sie auch nicht in den gewöhnlichen Buchhandel
gekommen ist.

38. Edmund Fry. 1799.

Ein Schriftgiesser zu London, beschenkte die Welt
mit einer Pantographia, containing accurate Copies of all
the known Alphabets in the World; together with an English
explanation of the peculiar force or power of each
Letter; to which are added specimens of all well-authenticated
oral Languages, forming a comprehensive Digest
of Phonology. By Edm. Fry — London. Printed by
Cooper and Witson
: — 1799, sehr prächtig im grössten
gr. 8. Ein seltsames Gemisch von Schrift- und Sprachkunde,
so wie es in dem ungelehrten Kopfe eines Schriftgiessers
nur entstehen und ausgebrütet werden konnte.
Nach einer Vorrede von 24 Seiten, über den Ursprung
der Sprache und Schrift, deren Verfasser zwar ein Gelehrter
zu seyn scheinet, der aber seinem Gegenstände
nicht gewachsen war, weil er in bey den etwas Übernatürliches
zu erblicken glaubt, folgt das elende Machwerk
auf 320 Seiten selbst. Der Verfasser folgt der alphabetischen
Ordnung der Sprachen und Dialecte, selbst der
Schriftarten, und trägt unter jeder Rubrik das zusammen,
was ihm darüber in hundert Büchern aufgestossen
oder von gelehrten Freunden nachgewiesen war, aber so
unbestimmt und verworren, dass man z. B. dasjenige,
674was er von Deutscher Sprache und Schriftart hat, unter
den Rubriken High-Dutch, Low-Dutch, Franco-Gallic,
Frisic, German, Gothic, Cuelderland, Helvetian,
Teutonic und selbst Schwabacher zusammen suchen
muss, und am Ende doch nichts befriedigendes findet.
Bey jeder Rubrik hat er gemeiniglich erst das Alphabet,
mit dessen Lesung, zuweilen auch eine Schriftprobe,
dann als Sprachprobe das V. U. oder wenn ihm keines
zur Hand war, irgend ein anderes kurzes Stück, oft auch
nur einzelne Wörter aus neuern Reisebeschreibern.
Er ist dabey auf der einen Seite so vollständig, dass er
S. 28-41 zwanzig Chaldäische Alphabete hat, und darunter
das Himmlische, das dem Adam von dem Engel
Raphael gebrachte, Seths und Enochs, Noahs, Ninus's,
Abrahams und Mosis, so arg wie sie ein Gaffarelli und
Duret nur träumen konnten. Unter eilf Hebräischen
S. 145-151 findet man auch das Alphabet Salomons
und Rehabeams. Auf der andern Seite fehlen wieder
mehrere wohl bekannte Alphabete und noch mehr Sprachen.
Der V. U. sind in allem 143 aus der Londoner
Sammlung und Chamberlayne entlehnt. Die Leipziger
Sammlung von 1748 kennet der arme Mann so wenig
als den Hervas. Wie sorglos auch hier zu Werke gegangen
worden, mögen S. 52 das Hochdeutsche und zwey
Niederländische Formeln beweisen. Die erste, wo man
auf ein unde, nict, erlo se stösst, bricht mit den Worten
ab: den dein is das reich, und die krasst. Das erste Holländische
mit; ende en leydtons (leyd ons) nict in ver.
In dem zweyten heisst es am Schlüsse gar: ende en laat
ons tuet in versoer kinge maer vertost on van der hoosen
.
Woraus sich auf die Richtigkeit der übrigen schliessen
lässt. Doch hat er im Englischen viele Formeln nach
allen Jahrhunderten aus Handschriften hinzu gethan,
welche ihm vermuthlich ein gelehrter Freund nachgewiesen
hat; und diese sind das einzige, was man für
seine zwey Guineen, die das Buch in England kostet,
hat. Den Schrift- und Sprachproben gegen über stehen
litterarische Notizen; welche eben so dürftig und unkritisch
sind als alles übrige.

39. J. J. Marcel. 1805.

Aufseher der grossen kaiserlichen Druckerey zu Paris.
Unter dessen Nahmen erschien: Oratio Dominica
CL linguis versa, et propriis cujusque linguae characteribus
675plerumque expressa. Edente Marcel, Typographei
Imperialis administro generali. Parisiis, typis Imperialibus.
Anno repar. sal. 1805, Imperiique Napoleonis primo
.
Im grössten Quart auf Schreibpapier. Es ist eine blosse
Gelegenheitsschrift, welche daher auch nicht anders benrtheilet
seyn will. Man wollte den Pabst Pius 7, als er
die kaiserliche Druckerey besuchte, damit überraschen,
dass man dieses mit den Schriften der ehemaligen Propaganda
vorher abgesetzte Werk in seiner Gegenwart fertig
druckte, daher es ihm auch zugeschrieben ist. Bitterer
hätte man dem guten Papst den Verlust der ihm entführten
literarischen Schätze wohl nicht fühlbar machen
können. Die hier befindlichen 150 V. U. sind auf eben so
vielen Quartblättern, nach den Welttheilen, aber ohne
alle innere Ordnung der Sprachen, mit ihrer eigenen
Schrift, wenn selbige vorhanden war, aber ohne alle Lesung
und Übersetzung abgedruckt. Wo es keine eigene
Schriftart gab, da wählte man die Lateinische. Jedes
V. U. stehet auf einem eigenen mit einer rothen Einfassung
versehenen Quartblatte, und darunter die Quelle,
woraus es entlehnet worden, aber allemahl sehr lakonisch,
und nicht selten fehlerhaft, z. B. ex Granovio für
Gronovio, Bronwallio für Browallio. Die Hauptquellen
sind Chamberlayne und die Leipziger Sammlung von
1748, weiche bald unter Schulzens Nahmen angeführt,
bald Collectio Fritzii genannt wird. Hervas ist zwar gebraucht,
aber ohne seinen ganzen Reichthum zu benutzen,
indem nur einige Formeln aus ihm entlehnet
sind. Indessen giebt es hier doch einige neue: S.6, das
Neu-Arabische, ex M. S. (vermuthlich ex Msto.) S. 19,
das Hindostanische, ex M. S. editoris; S. 25 das Mandschurische,
von den Missionarien zu Pecking an L.
Langles geschickt, alle drey bloss mit ihrer eigenen
Schrift; S. 56 ein Alt-Französisches aus dem 13ten Jahrhundert,
ex Cod. Ms.; S. 58 Dialecto Rutenica ex Msto.
Dni. Quatremere
; S. 59, Provenssalisch, ex Ms. L. F.
Jauffret
; S. 122 Koptisch nach dem Memphitischen
Dialecte, ex Cod. Ms. und S. 134 Illinesisch ex Ms. Ich
freuete mich, als ich S. 25 in der Überschrift das Koreanische
fand, da diese Sprache noch so sehr unbekannt
ist; allein es ist bloss das Sinesische, welche Sprache in
Korea zwar eine Art gelehrte Sprache ist, aber von der
Landessprache völlig abweicht.676

1*) Pierre d'Avity, Herr von Montmartin, Königlicher
Kammerherr schrieb: les Estats, Empires, Royaumes… du
Monde
, von welchem Werke wenigstens drey Ausgaben von
1616, 1621 und 1625 in zwey Bänden in fol. vorhanden sind,
wo der Verfasser sich auf dem Titel nur mit den Buchstaben
D. V. T. Y. bezeichnete. Nach seinem Tode ward dasselbe von
seinem Sohne Claude und einigen andern Gelehrten mit sehr
ansehnlichen Vermehrungen und ausdrücklicher Benennung des
ersten Verfassers heraus gegeben, so dass es in den Ausgaben
von 1635 und 1643, vier, und in der von 1660 als der letzten
sieben Hände in Folio ausmacht. Bey der letzten (denn in der
von 1643 finden sie sich noch nicht) wurden auch einige V. U.
in allen 21, und darunter auch die gedachten aus dem Gramaye
beygefügt.

2*) Ausser diesen sechs befinden sich in Leibnitzens von
Jo. Ge. Eckard 1717 heraus gegebenen Collect. etymol. noch
zwey Gebethsformeln, das Hottentottische, welches er gleichfalls
von Wissen hatte, und das der Linonischen Wenden, von
dem Prediger Mithoff.